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James Lee Burke | Flucht nach Mexiko

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko

Im Staat Louisiana ist systematische Korruptionsanfälligkeit selbstverständlich. Die Kultur, die Denkart, die religiösen Einstellungen und die Wirtschaft unterscheiden sich in nichts von einem karibischen Staat. Wer glaubt, im Staat Louisiana zu Reichtum und Macht zu kommen, ohne mit dem Teufel Geschäfte zu machen, weiß höchstwahrscheinlich nichts vom Teufel und noch viel weniger über Louisiana. (Auszug Seiten 142-143)

Im Sommer 1958 arbeiten der blutjunge Dave Robicheaux und sein Halbbruder Jimmie in Galveston, Texas. Als die beiden ein wenig weit aufs Meer hinausschwimmen und auf einer Sandbank von einem Hai umkreist werden, kommt ihnen eine junge Frau zur Hilfe. Die Frau heißt Ida Durbin und arbeitet als Prostituierte in einem Stundenhotel. Jimmie verknallt sich in sie und ist entgegen Daves Rat wild entschlossen, sie aus der Prostitution herauszuholen. Dafür legt er sich sogar mit ihrem Zuhälter an. Doch als Jimmie am vereinbarten Treffpunkt eintrifft,um mit Ida aus der Stadt nach Mexiko zu verschwinden, ist Ida nicht da und taucht auch nicht wieder auf. Doch Jahrzehnte später holt Dave das Verschwinden von Ida Durbin wieder ein.

Dave besucht im Krankenhaus seinen Bekannten Troy Bordelon, der ihn im Sterbebett beichtet, dass er damals als Junge gesehen hat, wo Ida Durbin gefangen gehalten wurde. Aber auch er weiß nicht, was mit ihr anschließend passiert ist. Auf dem Weg nach draußen wird Dave von zwei Deputys angesprochen, die ihm auf den Zahn fühlen wollen, was Bordelon ihm verraten haben könnte. Dave ist alarmiert, denn die Deputys stehen auf der Gehaltsliste der einflussreichen Familie Chalon. Diese war bzw. ist neben zahlreichen legalen Geschäften auch an Bordellen beteiligt, unter anderem in Galveston, Texas. Nun ist es an Dave, der nun angestachelt ist, bei den Chalons aufzutauchen und unangenehme Fragen zu stellen. Dabei zieht er den Zorn von Valentine Chalon auf sich, Sohn des Patriarchen Raphael Chalon. Val Chalon, ein bekannter Fernsehjournalist, versucht daraufhin, Dave mit einer Schmutzkampagne aus dem Weg zu räumen.

Gleichzeitig benötigt noch ein anderer Fall Daves Aufmerksamkeit. Ein Serienmörder verschleppt im Bundesstaat Frauen und ermordet sie anschließend äußerst brutal. Auch in Daves Zuständigkeitsbereich als Deputy in New Iberia geschieht ein solcher Mord, zudem wird eine Zeugin, die Dave kurz zuvor in Sachen Familie Chalon befragt hatte, ermordet. Könnte es tatsächlich eine Verbindung von dieser Mordserie zu den Chalons geben?

„Sie sind unser ortsansässiger Attila. Ein bisschen Lagerfeuerrauch und Tierfett in ihren Haaren und Sie wären perfekt. Sie sind der letzte Dreck, Dave Robicheaux. Genauso wie ihre Frau. Sie ist ein Poser und eine Fotze. Das haben Sie nur noch nicht begriffen.“
Schluck den Köder nicht ermahnte ich mich. Doch es gibt Augenblicke, da ist dieser altmodische Rock ’n‘ Roll die einzige Musik in der Jukebox. (Seite 352)

Nicht nur die Kenner der Robicheaux-Reihe werden ahnen, was hier mit Rock ’n‘ Roll gemeint ist. Der gute alte Dave Robicheaux: Unbeherrscht, unvernünftig, aber immer auf der Seite der Gerechtigkeit – und sei auch ein Gesetzesbruch nötig, um diese herzustellen. Flucht nach Mexiko ist der vierzehnte Band der Reihe und endlich wieder eine deutsche Erstausgabe. Der Bielefelder Pendragon Verlag arbeitet sukzessive daran, die ganze Reihe mit Neuauflagen und Neuübersetzungen an den deutschen Leser zu bringen. Immerhin elf Bände und damit die Hälfte sind geschafft – in den Staaten erscheint bald Band 22 „The New Iberia Blues“. Der inzwischen über 80-jährige Altmeister James Lee Burke ist produktiv wie eh und je.

Auch in diesem Roman spielt Burke seine Fähigkeiten gekonnt aus. Flucht nach Mexiko ist ein souverän geplotteter Hardboiled-Krimi im reizvollen Schauplatz des Südens Louisianas, den der Autor wie üblich wortgewaltig in Szene setzt. Im Roman wird die allgegenwärtige Bigotterie des amerikanischen Südens behandelt, die sich in Korruption, Unterdrückung und Gewalt niederschlägt. Dave Robicheaux muss dabei wie üblich einiges einstecken. Verleumdungen durch Valentine Chalon, er steht unter Mordverdacht und wird wieder einmal von seinem Dämon, dem Alkohol, heimgesucht. Doch es gibt Hoffnung, neben seinem treuen, aber ähnlich unkontrollierbaren Kumpel Clete Purcel, erhält Dave eine neue Stütze: Die ehemalige Ordensschwester Molly wird in diesem Roman seine neue Partnerin.

In Flucht nach Mexiko wird die Reihe und das Genre nicht neu erfunden. Es gibt keine Extravaganzen, sondern Altbewährtes. Und das heißt bei James Lee Burke gewohnte Qualität, auf die sich der Leser blind verlassen kann. Harte Gewalt, Gesellschaftskritik und gleichzeitig ein feines Gespür und ein großes Herz für seine Figuren sowie einen warmen Blick für die atemberaubenden Landschaften Louisianas.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Flucht nach Mexiko | Erschienen am 4. Oktober 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-621-8
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Weitere Rezensionen zu Romanen von James Lee Burke

Lucie Flebbe | Jenseits von Wut

Lucie Flebbe | Jenseits von Wut

Adrian, 13:56 Uhr: Sektion im Essener Institut für Rechtsmedizin 15:30 Uhr. Kriegst du es organisiert, vorbeizukommen?
Ich würde nicht hinfahren. Ich würde nicht mal die Nachricht beantworten. Ich würde morgen auch nicht zur Arbeit gehen. Ich würde meinen Job verlieren und bei Hartz IV landen, genau wie Philipp es vorausgesagt hatte.
Es klingelte an der Tür.
Ich hatte Strom?
Als wäre das noch wichtig.
Ich blieb liegen. (Auszug Seite 153)

Edith, genannt Eddie, Beelitz war viele Jahren raus aus ihrem Beruf als Polizeibeamtin, war stattdessen Hausfrau und Mutter. Als sie dann doch aus ihrer Ehe ausbricht, steht sie im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrer kleinen Tochter auf der Straße. Unverhofft bietet sich die Gelegenheit, in den Polizeiberuf zurückzukehren, sogar in die Mordkommission. Ihr erster Fall lässt nicht lange auf sich warten: Vor dem Jobcenter liegt die Leiche einer erschlagenen Frau. Doch Eddie plagen die Zweifel: Ist sie den Anforderungen des Jobs und des selbstbestimmten Lebens gewachsen? Eddie hatte gedacht, im Büro eine ruhige Kugel schieben zu können, muss sich aber nun direkt beweisen. Und das unter ihrem neuen Chef Adrian, den sie aus alten Zeiten nur zu gut kennt. Gleichzeitig ist sie auch von privater Seite stark unter Druck: Ihr Mann will die Trennung nicht hinnehmen und da er das ganze Geld verdient hat, ist Eddie ziemlich blank.

Von Autorin Lucie Flebbe hatte ich bereits einen Roman aus der vorherigen Serie um das Detektiv-Paar Lila Ziegler und Ben Danner gelesen. Insgesamt war meine Wertung damals durchschnittlich, doch mir hatte der Stil von Lucie Flebbe gefallen. Und so schloss meine Besprechung mit dem Satz: „Ich würde durchaus nochmal zu dieser Autorin greifen.“ Dies habe ich nun eingehalten. Jenseits von Wut ist der Auftakt einer Trilogie mit der ungewöhnlichen Mordermittlerin Edith „Eddie“ Beelitz. Der Schauplatz Bochum ist geblieben. Und auch der Stil, den ich damals schon lobte: „Knappe Sätze, manchmal flapsig, intelligent-humorvoll, gute Dialoge und interessante Figuren.“

Dieses Buch lebt nämlich weniger von seinem Krimiplot – der ist solide, aber eher nicht spektakulär, sondern vor allem von den Personen, der Figurenkonstellation und den beschriebenen Milieus. Eddie begibt sich nämlich in die Niederungen der Arbeitssuchenden und Hartz IV-Bezieher. Zum einen beruflich, denn die Tote wurde nicht nur vorm Jobcenter aufgefunden, sondern war dort auch Leistungsbezieherin. Das Opfer hatte offenbar Ärger mit ihrer Sachbearbeiterin und außerdem ein Techtelmechtel mit einem Mitarbeiter. Aber auch die familiären Verhältnisse waren seit langem eher prekär. Zum anderen mietet sich Eddie wegen fehlender finanzieller Reserven in eine nicht ganz so schicke Nachbarschaft ein und kommt dadurch direkt in privaten Kontakt mit den Unterpriviligierten. Die Verhältnisse von Eddies Nachbarinnen (mehrere Kinder von verschiedenen Vätern, Arbeitsunwilligkeit, Schwarzarbeit, Verwahrlosung) schildert die Autorin mit einer klaren Nüchternheit, um kurz darauf hinter die Fassade zu blicken und den Leser für ihre Figuren einzunehmen. Nicht ohne Grund erhält Eddie bei ihren Nachbarn in ihrer Situation mehr Unterstützung als aus ihrem bildungsbürgerlichen Elternhaus.

Ein wenig gefremdelt habe ich mit der zweiten Erzählstimme dieses Romans. Neben Eddie tritt auch noch ein gewisser „Zombie“ als Ich-Erzähler auf. Wie es der Spitzname schon suggeriert, hat dieser Mann ein Aggressionsproblem. Er wird von Beginn an als möglicher Mörder beim Leser ins Spiel gebracht (ob er es auch ist, wird natürlich an dieser Stelle nicht verraten). Was mir an seinen Abschnitten nicht so recht gefallen hat, war die Kürze und die Bruchstücke, die dem Leser vorgeworfen werden. Das aus vielen Krimis bekannte und etwas ausgeleierte Stilmittel, die Perspektive des Bösen einzunehmen, war meiner Vermutung nach nicht die Intention der Autorin, sondern tiefer in die Figur einzudringen, aber dann hätte sie „Zombie“ einen Tick mehr Raum gönnen können.

Im Grunde genommen ist Jenseits von Wut eine Emanzipationsgeschichte im Krimigewand. Eine junge Frau voller Selbstzweifel, die sich in ihrer Ehe von ihrem Mann nach seinen Wünschen hat formen lassen, bricht aus diesem Korsett aus und lebt endlich selbstbestimmt. Das geht natürlich nicht problemlos vonstatten. Lucie Flebbe erzählt dies mit einer angenehmen Mischung aus Lakonie, Humor und der nötigen Ernsthaftigkeit. Daneben bietet dieses Buch auch über seinen Krimiplot Einblick in die Welt der Arbeitslosen und Hilfeempfänger, von der Autorin ohne rosarote Brille, aber dennoch mit Empathie erzählt. Insgesamt ist dieser Krimi ein gelungener Auftakt einer Trilogie, die ich gerne weiterverfolgen werde.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Jenseits von Wut | Erschienen am 20. Juli 2018 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-587-9
309 Seiten | 12.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Tödlicher Kick von Lucie Flebbe im Rahmen unseres letzten .17special Mini-Themenspezials Ruhrpottkrimis

Dennis Lehane | Der Abgrund in dir

Dennis Lehane | Der Abgrund in dir

An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann. Er stolperte mit einem seltsam wissenden Gesichtsausdruck rücklings, als ob er schon immer geahnt hätte, dass sie es tun würde. Gleichzeitig wirkte er auch überrascht. Sie nahm an, dass sie ähnlich aussah. (Auszug, Anfang)

Rachel und Brian

Rachel Childs wächst alleine bei ihrer Mutter, der prominenten Psychologin Elisabeth Childs auf. Ihr Vater, ein Kunstgeschichtsdozent hat die Familie früh verlassen, als Rachel noch ganz klein war. Rachels Mutter ist ein schwieriger Charakter und obwohl sie als Autorin von Ratgeber-Büchern eine kleine Berühmtheit erlangt hat, dominiert sie Rachels Kindheit durch ihre stete Verbitterung. Die permanent unglückliche Frau will Rachel nichts über ihren Vater verraten, und nimmt dieses Geheimnis nach ihrem frühen Unfalltod mit ins Grab. Rachel ist siebzehn Jahre alt, als sie sich verzweifelt auf die Suche nach ihrem Vater macht. Dabei lernt sie Brian Delacroix kennen, der ihr als Teilzeit-Detektiv zur Seite steht.

Rachel macht Karriere als Fernsehjournalistin und ihr Gesicht wird schnell im ganzen Land bekannt. Ihre Arbeit führt sie auch in Krisengebiete, bis ein Einsatz auf Haiti zu einem Nervenzusammenbruch vor laufender Kamera führt. Die Erlebnisse nach der schweren Naturkatastrophe werfen sie komplett aus der Bahn und sie zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Es kommt zu einem Karriereknick, auch weil Angstzustände fortan ihr Leben bestimmen und sie kaum noch das Haus verlässt.

Zufällig taucht Brian Delacroix erneut in ihrem Leben auf und die beiden werden ein Paar. Er steht Rachel in dieser schweren Zeit bei, in denen sie von Panikattacken überfallen wird. Doch ein unbestimmtes Gefühl nagt an ihr und es mehren sich die Zeichen, dass Brian nicht der ist, der er vorgibt. Sie beginnt ihm zu misstrauen und versucht seiner wahren Identität auf die Spur zu kommen.

Teil Eins

In dieser ersten Hälfte des Buches steht der psychologische Aspekt im Vordergrund und wir erfahren viel über Rachels familiären Hintergrund. Die Charaktere werden behutsam aufgebaut und Rachel als Protagonistin kommt einem wirklich nah. Ihre schon fast zwanghafte Suche nach dem Vater ist nach einem Leben mit der unterkühlten Mutter absolut nachvollziehbar. Auch wenn der Roman hier mehr Belletristik ist, fand ich diese ruhigen Passagen wunderbar zu lesen und Lehanes tiefgründige Art zu schreiben hat mich gefesselt und in den Bann gezogen. In diesem literarischen Teil gelingt es Lehane, durch die intensive Erzählweise subtile Spannung aufzubauen und neugierig auf die Auflösung zu machen. Deutlich spürbar ist, dass der amerikanische Krimiautor, der, bevor er „Creative Writing“ studierte, auch als therapeutischer Berater gearbeitet hat, großen Spaß an der Entwicklung seiner Figuren empfindet und ihm die Psychologisierung sehr wichtig ist.

Teil Zwei

Deshalb frage ich mich, ob der gleiche Autor für die zweite Hälfte verantwortlich ist. Hier mutiert der Roman zum Action-Thriller und ein Cliffhanger jagt den nächsten. Das ist ohne Frage extrem spannend und auch gut geschrieben, auch wenn es an einigen Stellen an Logik und Glaubwürdigkeit mangelt. Die Protagonistin entwickelt sich von einer angstbesetzten Frau, die unter Panikattacken leidet, viel zu schnell zur taffen Superheldin. Was mich aber wirklich stört, ist der fehlende Bogen zur literarischen ersten Hälfte. Die so hervorragend aufgebauten Handlungsstränge werden nicht wieder aufgegriffen, verlaufen einfach im Sande oder werden nicht richtig aufgelöst. Rachels Suche nach ihrem Vater nimmt einen großen Teil der Geschichte ein, ist aber eigentlich nur für ihre Charakterentwicklung wichtig und spielt überraschenderweise und für mich enttäuschend für den eigentlichen Thriller keine Rolle.

Fazit

Der Abgrund in dir lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück und ich habe mich mit der Bewertung schwer getan. Der amerikanische Krimiautor, dessen Bücher Mystic River und Shutter Island bereits erfolgreich verfilmt wurden, hatte vielleicht schon das Drehbuch zum Film im Kopf und überfrachtet den Plot zum Ende hin mit zu vielen Wendungen und Twists, die die Geschichte unnötig unüberschaubar machen. Die Auflösung kommt dann auch ein wenig zu glatt daher. Andererseits blitzt an einigen Stellen sein literarisches Genie durch und es gibt ein paar wunderbar spannende Szenen.

Ich rätsel wirklich, was Lehanes Intention war, denn der Roman ist in weiten Teilen eine Mischung aus Thriller, Drama, Liebes- und Gaunergeschichte sowie psychologischer Spannungsroman. Das muss ja nicht unbedingt schlecht sein. Herausgekommen ist aber leider ein zerrissenes Buch, dem es an Homogenität fehlt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Abgrund in dir | Erschienen am 29. August 2018 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-07039-2
528 Seiten | 25.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Dennis Lehanes Romanen Shutter Island, Mystic River, The Drop – Bargeld sowie In der Nacht bei uns.

Abgehakt | September 2018

Abgehakt | September 2018

Francis Beeding | Spellbound Das Haus von Dr. Edwardes ♬

Viele Filme des Altmeisters Alfred Hitchcock basieren auf literarischen Vorlagen. Dieser teils vergessenen Perlen hat sich Jens Wawrczeck in einer neuen Hörbuchreihe angenommen und die spannenden Geschichten vertont. Während mich die Die Vögel sehr begeisterte, hatte ich mit Spellbound so meine Schwierigkeiten und bin nicht wirklich in die Geschichte reingekommen.

Das Haus von Dr. Edwardes ist eine Nervenklinik, die einem Schloss ähnlich sehr abgelegen in den Bergen liegt. Die junge Nachwuchsärztin, Dr. Constance Sedgwick, eine attraktive, unterkühlte Frau, fängt neu in der Klinik an, um erste Berufserfahrungen zu sammeln. Ihr Chef, der renommierte Oberarzt Dr. Edwardes befindet sich nach einem Nervenzusammenbruch im Erholungsurlaub. Während seiner Abwesenheit übernimmt Dr. Murchison die Leitung. Der brillante Psychiater lieferte erst kürzlich einen gefährlich psychotischen Patienten ein, der auf dem Transport einen Pfleger tötete. Nur durch das beherzte Eingreifen von Dr. Murchison konnte noch Schlimmeres wie zum Beispiel eine Flucht verhindert werden.

Die ehrgeizige Dr. Sedgwick begegnet bei ihrer Ankunft mehreren Dorfbewohnern, die sie vor den teuflischen Gefahren in der Nervenklinik warnen. Dieses soll wohl gruseligen Schauer verbreiten. Ich war aber nur von den schrulligen Charakteren genervt. Ellenlange Dialoge in einer betulichen Sprache, die die Geschichte nicht wirklich voran brachten, langweilten mich. Nach zweimaligen Anläufen habe ich das Hörbuch abgebrochen. Die Schauergeschichte hat leider meinen Geschmack nicht getroffen.

Spellbound Das Haus von Dr. Edwardes | Die gehörte Edition erschien am 31. Mai 2018 bei audoba
ISBN 978-3-942210-48-5
Laufzeit: 600 Minuten
16.95 Euro
Bibliografische Angaben & Hörprobe
Genre: Psychothriller
Wertung: entfällt wegen Abbruch

 

Ivo Pala | in Fall für Fuchs & Haas: Die Leiche am Strand

Wie der Titel schon sagt, wird eine Leiche am Strand zwischen Wustrow und Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gefunden. Die Kommissare Bodo Fuchs und Gisa Haas beginnen sofort mit den Ermittlungen, denn zunächst muss herausgefunden werden, um wen es sich bei dem Toten handelt. Nach und nach tauchen Fuchs und Haas in die Kunstszene ein, in der es nicht nur um wertvolle Gemälde, sondern auch um Neid, Missgunst und den eigenen Vorteil geht.

Die Geschichte wird aus Sicht von Fuchs geschildert und dabei erzählt er ziemlich „frei Schnauze“ und der Leser wird direkt angesprochen und geduzt, was ich sehr erfrischend finde. Fuchs und Haas sind nicht immer einer Meinung, aber im Grunde ein gutes Team. Beiden ist der Ermittlungserfolg genauso wichtig wie die kulinarische Verpflegung während der Arbeit. Deshalb gibt es am Ende der Geschichte für den Leser noch einige mecklenburgische Rezepte.

Fazit: „Die Leiche am Strand“ von Ivo Pala ist ein kurzweiliger Krimi für Zwischendurch, der mir gute Unterhaltung geboten hat.

Ein Fall für Fuchs & Haas: Die Leiche am Strand | Erschienen am 25. April 2018 independently published
ISBN-13: 978-1980858508
245 Seiten (TB) | 2.99 Euro (eBook)
Die Taschenbuchausgabe gibt es (wie das eBook) für 9.99 Euro über amazon.de
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Regionalkrimi
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Helen Kampen | Möwe, Meer und Mord

Ein Mord an einer Restaurant-Betreiberin auf der Insel Norderney bringt alle in Aufruhr. Kriminalkommissar de Vries und seine Kollegin Nina kommen aus Aurich angereist, um den Mörder zu finden und die Journalistin Amadea, die gerade mit ihrer Familie Urlaub macht, wittert eine interessante Story.

Der Urlaubskrimi Möwe, Meer und Mord von Helen Kampen hält, was er verspricht: Leichte Unterhaltung für zwischendurch. Schön finde ich, dass die Autorin echte Schauplätze mit einbezogen hat. Das Ende wiederum war etwas absehbar und ich hätte mich über eine Überraschung gefreut. Meine Vorfreude auf den Sommerurlaub ist hiermit aber auf jeden Fall gestiegen!

Möwe, Meer und Mord | Erschienen am 17. März 2016 im Emons Verlag
ISBN 978-3-95451-791-6
224 Seiten | 10.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Regionalkrimi
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Tom Bouman | Im Morgengrauen

Wild Thyme, ein ländlicher Flecken im Norden Pennsylvanias. Der Officer Henry Farrell hat einen unangenehmen Fall: Penny Pellings, junge Mutter, drogenabhängig und wohnhaft in einem Wohnwagen, ist spurlos verschwunden. Ihr Partner, Kevin O’Keeffe, ist dringend tatverdächtig, beteuert aber seine Unschuld. Kurz darauf wird eine Leiche aus dem Fluss gezogen, ein Dealer und Bekannter von Penny. Henry bleibt auf der Suche und wird nach und nach immer tiefer in die dunklen Seiten der Region gezogen.

Der Roman spielt im sehr ländlichen Nordosten Pennsylvanias an der Grenze zum Bundesstaat New York. Ein klassisches Setting eines country noir bzw. rural noir: Strukturschwach, sichtbarer Niedergang, nur wenige Profiteure vom neuen Arbeitgeber, der Fracking-Industrie. Stattdessen die Kehrseiten der Medaille: Umweltschäden, Verkehr, Drogen. Erzählt wird die Geschichte vom Ich-Erzähler Henry Farrell. Dieser ist ein Kleinstadtpolizist in den unteren Hierarchiestufen. Ein eher melancholischer, nachdenklicher Typ, schon früh verwitwet.

Im Morgengrauen ist definitiv kein rasanter, temporeicher Krimi, auch die Spannungsmomente sind punktuell dosiert. Da gäbe es also noch Luft nach oben. Allerdings hat mir die Darstellung dieses Landstrichs in Pennsylvania als Symbol für den Niedergang des ländlichen Amerika mit all seinen Facetten gut gefallen. Das Setting und auch die Figuren wirken real und authentisch. Der Roman ist kein klassischer Krimi mit Fokus auf den Ermittlungen, sondern ein Hybrid aus Krimi und Gesellschaftsroman mit weitem Blick auf das Drumherum. Ein entschleunigter Noir. Wer sowas mag, ist bei Tom Bouman durchaus gut aufgehoben.

Im Morgengrauen | Erschienen am 26. Juni 2018 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-86913-900-5
350 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Noir/hardboiled
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Eric Ambler | Waffenschmuggel

Malaya, britisches Protektorat in den 1950ern. Eine kommunistische Rebellengruppe wird aufgerieben und hinterlässt unbemerkt im Dschungel ein Waffenversteck. Der indische Sekretär Girija findet die Waffen und sieht endlich die Chance, mit dem Verkauf der Waffen seinen Lebenstraum zu erfüllen: Die Gründung eines Busunternehmens. Doch der Verkauf der Waffen ist nicht so leicht. Ein Hehler ist in dem windigen chinesischen Geschäftsmann Tan schnell gefunden. Mögliche Käufer wären eine antikommunistische Widerstandsgruppe auf Sumatra. Doch um die Waffen in Singapur zu verkaufen, wird ein Strohmann benötigt. Man findet ihn in dem naiven amerikanischen Geschäftsmann Greg Nilson, der auf einer Kreuzfahrt in der Region weilt.

Wenige Zeit nach Graham Greenes „Der stille Amerikaner“ beschäftigte sich auch Eric Ambler mit Südostasien und brachte auch eine Hommage an Greenes Roman unter, indem er Nilson zu dessen Widerwillen in Saigon eine unfreiwillige Sightseeing-Tour zu den Schauplätzen des „stillen Amerikaners“ spendiert. Obwohl nicht frei von Stereotypen zeigt Ambler die knifflige und diffizile Lage in der Region auf und die Ignoranz, mit der die Amerikaner damit umgehen. Eine aktuelle und weitsichtige Note erhält die Story durch die Tatsache, dass der Amerikaner Nilson im guten Glauben, den Kommunismus zu bekämpfen, eine islamistische Gruppierung bewaffnen will.

Waffenschmuggel ist lange Zeit eine eher leicht launige Nummer, eine Reise durch Südostasien inklusive des Einfädelns eines Waffendeals. Da ist dann zwar zunächst nur verhältnismäßig wenig Thrill – zum Ende hin wird es aber noch richtig aufregend. Alles in allem erweist sich der Autor wieder einmal als versierter Geschichtenerzähler und Vermittler von politischen Hintergründen.

Waffenschmuggel | Erstmals erschienen 1959
Die aktuelle Ausgabe erschien am 5. Juni 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-65116-4
368 Seiten | 14.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Politthriller
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Christopher Brookmyre | Wer andern eine Bombe baut

Raymond Ash hat gerade keine guten Lauf: Zuhause ist die Stimmung angespannt, da sein neugeborener Sohn unter Koliken leidet, sein neuer Lehrerjob entpuppt sich als Höllenjob. Und dann lauern ihm auch noch irgendwelche Killer auf, als er das Abendessen besorgen will. Gleichzeitig ist die Polizistin Angelique de Xavia auf Terroreinsatz. Ein Terroranschlag des internationalen Topterroristen „Black Spirit“ ist für den Norden Großbritanniens angekündigt, nur kennt niemand das genaue Anschlagsziel. Irgendwann wird Angelique klar, dass Raymond der Schlüssel zum Ganzen ist. Beide nehmen den Kampf gegen „Black Spirit“ auf.

Christopher Brookmyre ist ein echter Vielschreiber, aber in deutscher Übersetzung liegen erst vier seiner über 20 Romane vor. Dieser hier ist der erste Auftritt seiner Protagonistin Angelique de Xavia (die auch in Die hohe Kunst des Bankraubs auftritt), klein im Wuchs, aber groß in Selbstbewusstsein und Cleverness. In diesem Buch erhält sie in Raymond Ash einen Mann in der Midlife-Crisis als unfreiwilligen Kompagnon.

Wer andern eine Bombe baut ist ein cleverer und streckenweise rasanter Thriller. Autor Brookmyre ist sehr versiert in schwarzem Humor, bissiger Gesellschaftskritik und popkulturellen Anspielungen. Könnte also ein Wahnsinnsbuch sein, allerdings hat der Autor auch ein Manko: Er plaudert und plaudert, hier noch eine Anekdote, dort noch eine krude Story aus der Vergangenheit der Hauptfiguren. Das schmälert auf Dauer dann doch den Lesefluss und bläht die Story unnötig auf.

Wer andern eine Bombe baut | Erschienen am 8. März 2018 im Galiani Verlag
ISBN 978-3-669-71163-8
368 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3 von 5

Rezension 1 von Andy Ruhr, Rezension 2 und 3 von Andrea Köster, Rezension 4 bis 6 von Gunnar Wolters. Die Rechte für die Fotos liegen bei den Rezensenten.

Weiterlesen: Unsere bisherigen Ausgaben von Abgehakt

Jane Harper | Ins Dunkel Bd. 2

Jane Harper | Ins Dunkel Bd. 2

Später waren sich die vier Frauen nur in zwei Dingen einig. Erstens: Niemand hatte gesehen, wie die Wildnis Alice Russell verschluckte. Und zweitens: Alice hatte eine so scharfe Zunge, dass man sich daran schneiden konnte. (Auszug Seite 7)

Teambildende Maßnahmen

Mehrere Mitarbeiter einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft machen eine Trecking-Tour in den australischen Busch und folgen einer Route durch ein Wandergebiet.

Teambuilding heißt das Stichwort und die Firma praktiziert das jedes Jahr. Es werden zwei nach Geschlechtern getrennte Gruppen gebildet und ausgerüstet mit Rucksäcken, Kompass und Landkarten geht es ab in die australische Wildnis. Während die Männer drei Tage später pünktlich am vereinbarten Treffpunkt erscheinen, fehlt von den fünf Frauen jede Spur. Schnell wird ein Suchtrupp gebildet, denn vermutlich stoßen die Outback unerfahrenen Frauen in der unerbittlichen Natur fernab jeglicher Zivilisation und auf sich alleine gestellt schnell an ihre physischen wie psychischen Grenzen. Als sie viel später verletzt und am Ende ihrer Kräfte aus der Wildnis auftauchen, fehlt eine von ihnen und zwar Alice Russell. Und hier kommt Aaron Falk von der Bundespolizei ins Spiel, den mancher Leser vielleicht noch aus dem Vorgängerband The Dry kennt. Er arbeitet in Melbourne bei der Steuerfahndung und Russell war sein Verbindungsglied. Als Informantin sollte sie für ihn Firmengeheimnisse aus dem Archiv der Kanzlei besorgen. Denn gegen die Firma wird wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt.

Zickenkrieg in der Wildnis

Parallel werden zwei Erzählstränge geschildert. In der Gegenwart begleiten wir Aaron Falk und seine Kollegin Carmen Cooper auf der Suche nach Alice Russell. Diese hatte Falk mit einem Handy, das sie trotz Verbotes mit auf die Tour geschmuggelt hatte, versucht zu erreichen und einen kryptischen Hilferuf abgesetzt. Auch die Presse stürzt sich auf den Fall, denn Alice verschwand in einem Gebiet, in dem vor Jahren ein Serienmörder sein Unwesen trieb. Dieser wurde gefasst, aber sein letztes Opfer wurde nie gefunden und sein Sohn gilt seit einiger Zeit als verschollen.

In einem weiteren Erzählstrang wird in chronologischen Rückblenden das tatsächliche Geschehen, die Wanderung der Frauen geschildert. Die von Beginn an schwelenden Konflikte, in der aus verschiedenen Hierarchien zusammengesetzten Truppe verstärken sich noch, als sie vom Weg abkommen, sich verlaufen und die Vorräte knapp werden. Besonders die dominante Alice weiß eigentlich alles besser und als die Kolleginnen beschließen, während der Dunkelheit und beißenden Kälte in einer Hütte zu rasten, macht sie sich schließlich gegen den Widerstand der anderen alleine auf den Weg. Die australische Autorin beschreibt sehr präzise, wie der Ton langsam rauer wird, die Umgangsformen sich verabschieden und schlussendlich die Gewalt eskaliert. Das harmlose Trekking-Abenteuer läuft aus dem Ruder und entwickelt sich zum Alptraum. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten kooperieren nicht wirklich und tragen lieber Machtkämpfe aus, sodass die Gruppe sehr schnell instabil wird.

In dem Chaos, in der Dunkelheit, war es unmöglich zu sagen, welche der vier sich nach Alice‘ Befinden erkundigt hatte. Hinterher, als alles noch schlimmer wurde, sollte jede behaupten, sie wäre es gewesen. (Seite 9)

In kurzen Kapiteln springt Jane Harper immer hin und her. Sie streut falsche Fährten, arbeitet mit Cliffhangern und setzt das gefahrvolle Setting des australischen Dschungels gekonnt in Szene. Das ist spannend und fesselnd geschrieben, über weite Strecken unterhaltend und lässt sich schnell weg lesen. Wie schon in ihrem mit dem CWA Golden Dagger ausgezeichneten Debüt The Dry spielt die australische Landschaft eine gewichtige Rolle und Harper nimmt sich sehr viel Zeit für die Beschreibung des undurchdringlichen Dickichts.

Trotzdem kann dieser zweite Band um Aaron Falk nicht an die Atmosphäre und Komplexität ihres ersten Thrillers heranreichen. Manche Finten waren mir auch zu offensichtlich und durchscheinend, glichen eher einem Budenzauber. Auf die kriminellen Aktivitäten der Kanzlei hätte man noch genauer eingehen können, denn man erfährt über die schmutzigen Geschäfte sehr wenig. Während der Protagonist Falk gut ausgearbeitet und ein grundsolider, zurückhaltender Sympathieträger ist, waren mir die anderen Figuren alle ein bisschen zu blass gezeichnet, sodass man nicht richtig mit ihnen mitfiebert.

Überrascht war ich von der Häufigkeit der Tippfehler, die sich eingeschlichen haben und meinen Lesegenuss minderten.

Alles in allem ist Ins Dunkel leichtgängige, spannende Unterhaltung, die zum Miträtseln einlädt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ins Dunkel | Erschienen am 24. Juli 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-27473-2
416 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Jane Harpers Roman The Dry