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Der junge Inspektor Morse | Staffel 3 ►

Der junge Inspektor Morse | Staffel 3 ►

Die Anklage gegen Morse, er habe den Polizeipräsidenten Standish ermordet, wurde fallengelassen. Endeavour ist nun wieder auf freiem Fuß – allerdings ist er vom Dienst suspendiert. DI Fred Thursday leidet noch immer unter den Folgen seiner Schussverletzung. Eine schwarze Stunde für die Polizei Oxfords. Doch die kriminellen Machenschaften lassen nicht lange auf sich warten: Kaltblütige Mörder, erbarmungslose Erpresser bis hin zu Gangsterbossen sorgen für Angst und Schrecken in der Stadt. Sind die beiden Detectives bereit, sich nach den schweren Rückschlägen erneut den Herausforderungen zu stellen und der Unterwelt Oxfords ein für alle Mal das Handwerk zu legen? (Serieninfo)

Rückschau auf Staffel 2

Während des letzten Falls in Folge 8 Staffel 2 wurden DI Fred Thursday und sein Untergebener Sergeantanwärter Morse in eine hinterhältige Falle gelockt, zumal von der County Police, welche zum Selbstzweck die Detectives der Mordkommission instruiert hatten, so dass von dieser Seite keine Unterstützung erfolgt. War es bisher schon ein schwieriges Verhältnis zwischen Morse und seinen Sergeanten-Kollegen, so wird es nun heikel. Bei dem Versuch die beiden Ermittler aus dem Weg zu räumen, geraten diese in die direkte Schusslinie.

Wir sehen, wie Fred Thursday schwer verletzt zu Boden geht und Morse ebenfalls durch einen Schuss verletzt wird. Es geht glimpflich aus, doch es war knapp. Gleichzeitig stellt Fred Thursday für sich selbst die Frage, ob er den Dienst quittieren soll, in den Raum. Morse ist klar, dass er ohne Thursday keine Chance in dieser Mordkommission hat, weshalb er in Erwägung zieht, der Polizeit ganz und gar den Rücken zu kehren. Das ist der Cliffhanger am Ende der ersten Staffel.

Morse ist suspendiert

Zu Beginn der nun dritten Staffel sehen wir Morse ganz privat, jedoch nicht in seiner uns bekannten Wohnung, sondern in einer Hütte im Wald, denn er ist nach den Vorfällen noch suspendiert und hat sich zurückgezogen. Beim Besuch eines Freundes, der ihn überredet, ihn zu seinem Haus und anderen Bekannten zu begleiten, kommen beide an einem Tatort im Wald vorbei, der bereits von der Spurensicherung untersucht wird. Man sieht die Zerrissenheit Morses und es sieht fast so aus, als ob er kurzerhand hinübergeht, um zu fragen, was passiert sei. Doch das erfährt er ohnehin frühzeitig, denn die Ermittlungen führen die Detectives auch in das Haus des Freundes, welcher ein ausschweifendes Leben führt und in dessen Kreis Morse so gar nicht passen mag.

Neustart für Morse und Thursday

Kurz und gut: Die Suspendierung wird aufgehoben und er sowie auch Thursday sind in Staffel 3 wieder in Oxford im Einsatz. Allerdings ergibt sich im Verlauf des zweiten Falls eine andere überraschende Neuerung in der Teambesetzung, denn Morses vermeintlicher Gegenspieler scheidet aus dem Dienst aus, da er heiratet und in dem Rinderzuchtbetrieb seines zukünftigen Schwiegervaters arbeiten wird. Etwas seltsam mutet Morses Wehmut an, denn ist er zwar ein guter Charakter, aber bisher hatte ich nie den Eindruck, dass ihm etwas an seinem Kollegen liegt, der keine Gelegenheit ausließ, um ihm Steine in den Weg zu legen und ihn zu verhöhnen.

Die Krankenschwester

Überraschend: Im zweiten Fall trifft Morse auf eine Krankenschwester. Diese war in Staffel 2 seine Freundin. Nunmehr begegnen sie sich, als ob sie Fremde sind. Entweder habe ich etwas Entscheidendes versäumt, oder ich irre mich bezüglich der Krankenschwester. Hinweise dazu gerne in die Kommentare!

Museales Ambiente und zu frische Requisiten

Für die Rezension standen mir die ersten beiden Folgen der dritten Staffel zur Verfügung. Die beiden Fälle konnten mich überzeugen, aber leider wie zuvor schon die Ausstattung der Serie leider nicht, denn man findet wiederum ein museales Ambiente, wobei die Garderobe mich manchmal nicht in die Zeit versetzen konnte und die Requisiten immer zu frisch aussehen. Dabei spielt natürlich auch der Film und das Licht eine Rolle, denn der digitale Dreh der 60er ist im Kontrast zu frappierend, als dass die Serie mich insgesamt zu einhundert Prozent überzeugen kann.

 

Der junge Inspektor Morse – Staffel 3
Veröffentlicht am 23. März 2018 bei Edel Germany
2 DVDs | 22,99 Euro
Laufzeit: 360 Minuten
Produktionsjahr: 2014
FKS 12
Trailer zur 3. Staffel

Weiterlesen: Rezension zu Der junge Inspector Morse Staffel 1 und Staffel 2.

12. Mai 2018

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenfluch

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenfluch

„Überhaupt lief einiges anders, als er es sich vorgestellt hatte. In seiner Phantasie gingen die Familien aufeinander los, sobald jemand verschwand. Vorwürfe und Verdächtigungen würden das brüchige Band des Zusammenhalts brechen lassen. Am Ende, so hatte er gehofft, ja, geglaubt, würden die Frauen ihm dankbar sein, weil er ihnen die Augen geöffnet hatte. (Auszug Seite 345)

Neben einem Rapsfeld direkt am Deich wird eine Leiche gefunden. Es handelt sich um Angela Röttgen, Ehefrau und zweifache Mutter, die vor einigen Wochen spurlos verschwunden ist. Aufgrund der Berichterstattung der Presse von den Ermittlungen in diesem Fall, für den unter anderem Ann Kathrin Klaasen und ihr Mann Frank Weller zuständig sind, meldet sich ein weiterer Ehemann, dessen Frau auf einmal nicht mehr nach Hause gekommen sei. Dann tauchen Päckchen mit den Klamotten auf, die die Frauen zuletzt getragen haben. Und das ist erst der Anfang…

Klaasen & Weller

Ann Kathrin Klaasen und Frank Weller sind nicht nur Kollegen, sondern seit einigen Jahren auch verheiratet. Beide bekommen Beruf und Alltag ganz gut in den Griff, wie ich finde, obwohl es in einem laufenden Fall natürlich schwierig ist, sich Zweisamkeit zu nehmen. Ann Kathrin hat einen speziellen, aber auch erfolgreichen Ermittlungsstil, der bis über die Grenzen von Ostfriesland bekannt sind. So legt sie sich auch schon mal nackt ins Rapsfeld, um die Stimmung der Opfer nachzuempfinden oder „spricht“ mit dem Tatort.

Viel Inhalt

Ostfriesenfluch von Klaus-Peter Wolf ist nun schon der zwölfte Fall von Ann Kathrin Klaasen. (Sieben davon haben wir übrigens rezensiert: klick) Diese Geschichte ist ziemlich energiegeladen und es passieren viele Dinge, so dass es auf keiner Seite langatmig wird. Es kommt zu Schießereien und Geiselnahmen, zu Verdächtigen, die nichts mehr zu verlieren haben, zu Fluchtversuchen, die sehr vielversprechend beginnen, dann aber doch scheitern, zu Verfolgungsjagden. Und das alles mehrfach auf nicht mal 500 Seiten. Puh, mir ist das fast etwas viel Inhalt, auch wenn ich immer gut mitgekommen bin. Ich war eher so auf entspannte und klassische Ermittlungsarbeit eingestellt. Hat aber den Vorteil, dass es wirklich nicht langweilig wird.

Hauptkommissare

Bei den handelnden Personen bin ich etwas zwiegespalten. Ann Kathrin ist mir grundsätzlich sympathisch und ich bewundere, dass sie ihre teilweise andersartige Ermittlungsarbeit so stark verteidigt und sich mit dem Erfolg auch Respekt erkämpft hat, aber gerade das finde ich auch etwas weit hergeholt. Sie bekommt Hilfe bei ihrem ehemaligen Chef, wenn sie nicht weiterkommt und ist im Grunde die Hauptakteurin im Kommissariat. Mit Frank Weller kann ich mich am meisten identifizieren. Er ist ruhig, behält den Überblick und holt seine Frau immer wieder zurück in die Realität. Außerdem ist er Krimi-Leser. Rupert, ebenfalls Hauptkommissar, ist nicht der schlauste, spielt sich aber gern so auf und denkt er ist der Frauenschwarm schlechthin. Er war mir an einigen Stellen etwas zu nervig. In Krisensituationen wird im Kommissariat, weiterhin nach Tradition des ehemaligen Leiters, ein Marzipan-Seehund geschlachtet. Der Verzehr beruhigt die Nerven.

Besonders schön ist die beschriebene Landschaft und ich bleibe mit etwas Meer-Weh zurück!

Klaus-Peter Wolf wurde 1954 geboren und lebt als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in Norden (Ostfriesland). Er schreibt nicht nur Regionalkrimis, sondern auch Romane und Kinder- und Jugendbücher. Außerdem hat er unter anderem Beiträge für die Reihen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ geschrieben. Der Autor ist mit Bettina Göschel, einer Kinderliedermacherin, verheiratet, die er auch in diesem Buch namentlich mit in die Geschichte hat einfließen lassen. Am Ende des Buches wird verraten, dass Ann Kathrins neuer Fall im Februar 2019 erscheint.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ostfriesenfluch | Erschienen am 8. Februar 2018 bei als Fischer Taschenbuch
ISBN 978-3-596-03634-9
512 Seiten | 10.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: bisherige Rezensionen von Wolfs Romanen auf krimirezensionen.de

30. April 2018

Susanne Goga | Nachts am Askanischen Platz

Susanne Goga | Nachts am Askanischen Platz

Man hatte den Toten auf den Schulhof getragen, auf eine Plane gelegt und bis zum Kinn zugedeckt. Leo war bewusst, dass der eine oder andere schockiert sein würde – die Sekretärin wurde als Erste gerufen, damit sie es rasch hinter sich bringen konnte. Ein Schupo stand bereit, um ihr im Falle einer Ohnmacht beizustehen. (Auszug Seite 46)

Der Tote auf dem Schulgelände

Das Berlin der goldenen 1920er Jahre bildet die Kulisse für Susanne Gogas Serie um den Kriminalkommissar Leo Wechsler. In dem sechsten Teil der Reihe ermittelt die Polizei im Falle eines unbekannten Toten, der auf einem Schulgelände entdeckt wird. Der schäbig gekleidete Mann, der im Geräteschuppen des Berliner Gymnasiums im Januar 1928 erwürgt aufgefunden wird, kann erst mal nicht identifiziert werden. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass der Leichnam diverse Narben, Brüche und eine verheilte Schusswunde aufweist. Diese Merkmale sowie der unterernährte Zustand deuten auf Kriegsverletzungen hin. Viele ehemalige Soldaten waren nach dem 1. Weltkrieg in Gefangenschaft geraten und danach traumatisiert nicht mehr auf die Beine gekommen.

Für Leo Wechsler und seine Kollegen Robert Walther und Jacob Sonnenschein gestalten sich die Recherchen mühsam. Einziger Hinweis ist eine russisch sprechende, hilflos wirkende Frau. Diese hatte einige Tage zuvor verzweifelt in dem neben der Schule befindlichen Theater nach ihrem Verlobten, einem Mann namens Fjodor, gesucht.

Das Cabaret des Bösen

Der Fokus der Ermittlungen richtet sich nun auf das Varieté-Theater, in dem Schauerstücke aufgeführt werden. Das „Cabaret des Bösen“ ist ein Grusel- und Horrortheater, zurückgehend auf ein Pariser Vorbild und bietet ein besonders makabres Unterhaltungsprogramm. Den leicht anrüchigen Ruf verstärkt das Aussehen des Theaterdirektor Louis Lemasque noch. Dieser charismatische wie zwielichtige Mann versteckt sein durch eine Kriegsverletzung grausam entstelltes Gesicht nicht durch eine Maske oder einen Bart.

Die Suche nach der mysteriösen Russin führt unter anderem in eine Barackensiedlung am Tempelhofer Feld, wo russische Flüchtlinge unter einfachen Verhältnissen untergebracht sind und zum Schlesischen Bahnhof, wo sich eine Anlaufstelle für jüdische Flüchtlinge aus dem Osten befindet.

Wechsler will einer Spur nach Stuttgart nachgehen und lässt sich von Kriminalkommissar Ernst Gennat die für die damalige Zeit nicht alltägliche Dienstreise per Zug genehmigen. Der engagierte Oberkommissar ist sehr eingespannt und hat wenig Zeit für sein Privatleben. Trotzdem spürt er, dass sein halbwüchsiger Sohn Georg sich von ihm entfernt. Aber erst durch die Beobachtungen seiner Frau Clara kommt raus, dass Georg seit einiger Zeit heimlich und hinter dem Rücken seiner Familie mit der Hitlerjugend sympathisiert.

Mit der Figur des Oberkommissars Leo Wechsler ist der Autorin ein sympathischer, integrer sowie feinfühliger Charakter gelungen. Der intelligente Leo ist bei seinen Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen beliebt und angesehen. Er handelt überlegt und behält auch in Problemsituationen, wie die mit seinem Sohn, die Nerven und reagiert meistens souverän. Der ehemaliger Witwer mit zwei Kindern ist wieder sehr glücklich in zweiter Ehe mit der Buchhändlerin Clara verheiratet. Abgründe sucht man hier vergeblich. Mir ist er ein bisschen zu glatt gelungen, aber trotzdem hat er das Zeug zum beliebten Serienermittler, von dem ich gerne in weiteren Fällen lesen würde.

Susanne Goga hat in einem angenehmen, emphatischen und sehr flüssigen Schreibstil einen vielschichtigen Krimiplot mit viel klassischer Dektektivarbeit erschaffen, der durchaus zu unterhalten und zu fesseln vermag. Aus dem Thema des gruseligen Horrortheaters hätte man vielleicht mehr machen können. Nach einem ziemlich makaberen Prolog ist davon nicht mehr viel zu spüren. Der Krimi endet in einem spannenden Showdown und hätte vielleicht noch die ein oder andere Wendung vertragen.

Nasenjoseph

Susanne Goga hat akribisch recherchiert und die Atmosphäre im Berlin der 1920er Jahre hervorragend und präzise dargestellt. Noch geht es einigermaßen friedlich zu, doch die ersten Anzeichen der Nationalsozialisten tauchen am Horizont auf. Goga thematisiert unter anderem die Schicksale der Kriegsversehrten und arbeitet auch einige historisch belegte Charaktere ein, wie den Schönheitschirurgen Professor Jacques Joseph. Der als Nasenjoseph bekannt gewordene plastische Chirurg war äußerst erfolgreich auf dem Gebiet der Gesichtsrekonstruktionen an oft grausam entstellten Kriegsverletzten. Auch der schon zu Lebzeiten zur Legende gewordene Kriminalrat Ernst Gennat darf hier nicht fehlen. Der schwergewichtige Buddha vom Alexanderplatz gilt als Wegbereiter der modernen Polizeiarbeit. Informativ fand ich den im Anhang gegebenen Überblick über die im Roman auftauchenden real existierenden, historischen Persönlichkeiten.

Fazit

Es wundert nicht, dass es mittlerweile eine ganze Anzahl von Krimis gibt, die in Berlin in dieser brisanten Zeit spielen. Berlin war damals eine der bedeutendsten Metropolen Europas mit einer immensen Anziehungskraft. Ich kann Nachts am Askanischen Platz nur jedem empfehlen, der Interesse an dieser vielfältigen Epoche hat. Die Einbindung des historischen Kontextes gelingt der Autorin perfekt ohne zu plakativ zu wirken. Die Darstellung der damaligen Lebensverhältnissen fügt sich homogen in den Krimiplot ein, ohne dass historische Fakten aufgedrängt werden. Goga versteht es, Zeitgeschichte geschickt mit einem Kriminalfall zu verknüpfen, auch wenn ich das an anderer Stelle schon mal schillernder gelesen habe.

Susanne Goga

Benedict Cumberbatch wäre ihre Traumbesetzung für die Figur des Leo Wechsler. Das verriet die in Mönchengladbach lebende Autorin und freie literarische Übersetzerin. Für ihre historischen Romane wurde sie mit diversen Preisen ausgezeichnet. Am Berlin der Weimarer Zeit fasziniert sie, dass sich dort alle guten und schlechten Entwicklungen dieser Jahre potenzierten. Für das nötige Lokalkolorit ihrer Milieuschilderungen wälzte sie Fotobände, alte Telefonbücher und Stadtpläne und erkundigte sich bei Polizeiexperten sowie Historikern.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Nachts am Askanischen Platz | Erschienen am 9. Februar 2018 bei DTV
ISBN 978-3-423-21713-2
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

12. April 2018

Arne Dahl | Sechs mal zwei Bd. 2

Arne Dahl | Sechs mal zwei Bd. 2

Es macht mich wirklich traurig, dass mir niemand glaubt. Oder, noch schlimmer, dass man glaubt, ich sei verrückt. Ich habe ja den Tonfall der Beamten gehört, als sie hier waren. Ich hörte, wie sie laut über ihren Witz vom „Hausbock“ lachten, während sie in ihren Streifenwagen stiegen. Als wäre ich nicht in der Lage, den Unterschied zwischen dem verhaltensauffälligen Nachwuchs eines Käfers und einem gefährlichen, bösartigen erwachsenen Mann zu hören. Als würde ich diese Geräusche verwechseln. (Auszug Seite 9)

Die Kleeblatt-Morde

Jessica Johnsson ist bei der Polizei als durchgeknallte Verschwörungstheoretikern bekannt, eine die unter Verfolgungswahn leidet und mit absurden Anschuldigungen nervt. Aber in dem Brief, den sie der Stockholmer Polizistin Desiré „Deer“ Rosenkvist schickt, sind Details von einem alten Mordfall enthalten, die eigentlich niemand wissen kann. Und Jessica Johnsson behauptet, man hätte den Falschen verhaftet. Es war Rosenkvists erster Mordfall zusammen mit ihrem damaligen Kollegen Kriminalkommissar Sam Berger. In dem besonders grausamen Fall, in dem eine Mutter und ihr kleiner Sohn ermordet wurden, hatte man eine Kleeblatt-Zeichnung auf dem Gesäß des Opfers gefunden.

Deer gelingt es, Sam zu kontaktieren. Dieser hatte nach der Ermordung einer Kollegin und guten Freundin zwei Wochen zuvor einen Zusammenbruch erlitten. Molly Blom hatte sich um den angeschlagenen Sam gekümmert und auch dafür gesorgt, dass sie untertauchen, da der Geheimdienst Säpo ihnen den Mord anhängen will. Momentan verstecken sie sich in zwei Hütten in einem Nationalpark an Schwedens Pol der Unzugänglichkeit, den abgelegensten Ort des Landes.

Trotz der Bedrohung durch den Geheimdienst machen sich die beiden auf den Weg, um rauszufinden, ob an der Sache was dran ist. Doch der Besuch bei Jessica Johnsson endet in einem Desaster. Während des Gesprächs werden die beiden überwältigt und finden sich niedergeschlagen und gefesselt im Keller wieder, von Jessica keine Spur. Dafür jede Menge Blut und ein Stück Haut mit einer Kleeblatt-Zeichnung.

Berger-Blom-Team

Auch in dem zweiten Teil der Berger-Blom-Reihe verwebt Arne Dahl wieder souverän Rätsel um Rätsel zu einem raffinierten aber auch ziemlich verwirrendem Handlungskonstrukt. Mit jeder neuen Erkenntnis wird alles bisher Geschehene wieder umgeworfen. Dieses habe ich in dieser Häufigkeit selten erlebt. Mit dem Gefühl, etwas überlesen zu haben, musste ich immer wieder zurückblättern und den Handlungsverlauf rekonstruieren. Das macht es am Anfang schwer, sich in dem Geschehen zurechtzufinden. Den ersten Band Sieben minus eins sollte man nicht nur gelesen, sondern die Zusammenhänge auch noch einigermaßen parat haben. Sonst bleibt man bei diesem hoch komplexen Plot schnell auf der Strecke.

Dramaturgisch wirkungsvoll werden viele Dinge nur angedeutet und Seiten später folgt die Erklärung. Um Spannung zu erzeugen hält Arne Dahl häufig mit Informationen hinter dem Berg, aber diese Methode hat er für meinen Geschmack etwas zu routiniert eingesetzt. Erst spät fügen sich die einzelnen Erzählfragmente zu einem harmonischen Ganzen und dann macht der Thriller auch richtig Spaß.

Auch gelingt es Dahl wieder vortrefflich, bestimmte Stimmungen zu erzeugen. In filmreifen Szenen beschreibt er die winterlich kalte Atmosphäre Nordschwedens, zum Beispiel die Einsamkeit der zwei verschneiten Hütten am klirrend kalten Polarkreis bei 30 Grad Minus.

Die Charaktere

Nachdem sich der eigensinnige Sam Berger und Molly Blom, die hochintelligente, geradezu legendäre Undercoveragentin der Säpo im ersten Band kennen lernten und als Team zusammenrauften, sind sie jetzt zusammen auf der Flucht vor dem Geheimdienst und wollen eine Detektei gründen. Trotzdem weiß der geschwächte Sam nicht, ob er Molly vertrauen kann, denn diese scheint nicht mit offenen Karten zu spielen und ist eine Expertin darin, ein Pokerface zu wahren. Das Misstrauen gegenüber der undurchschaubaren Agentin erhöht die Spannung noch. Leider gönnt der Autor seinen beiden Protagonisten in diesem Band keine wirklich neuen Facetten. Und dann ist da noch die grundsolide Deer. Die Ehefrau und Mutter wirkt gegen die beiden sperrigen Figuren sehr normal und bodenständig.

Fazit

Wenn man den Realitätssinn mal außer Acht lässt, wird man auch mit diesem zweiten Band blendend unterhalten. Der schwedische Bestseller-Autor versteht sein Handwerk, erzählt seinen gut durchdachten Plot flüssig und routiniert, die Sprache ist anspruchsvoll und wohlgeformt. Für mich ein gelungener zweiter Teil der Berger-Blom-Serie, der am Ende noch mit einer Überraschung aufwartet und damit neugierig auf den nächsten Teil macht.

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Sechs mal zwei | Erschienen am 1. September 2017 bei Piper
ISBN 978-3-492-05811-7
Seiten | 16.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

2. April 2018

Weiterlesen: Andys Rezension zu Arne Dahls erstem Band dieser Reihe, Sieben minus eins | Rezensionen zu anderen Thrillern von Arne Dahl: Opferzahl, Bußestunde, Neid | Arne Dahl-Verfilmungen: Arne Dahl | Volume 2 und Arne Dahl | Volume 3.

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Claudia Rikl | Das Ende des Schweigens

Claudia Rikl | Das Ende des Schweigens

Herzberg ließ mit Daumen und Zeigefinger die Kappe des Filzstifts auf- und zuschnappen. „Warum schneidet man jemandem die Zunge heraus?“, fragte er laut in den Raum. „Wozu braucht man die Zunge?“
Zum Reden. Der Täter wollte, dass Hans Konrad doppelt verstummte. Tatsächlich, durch seinen Tod. Und bildlich. Symbolisch. Weil er zu viel geredet hatte…? (Auszug Seite 276)

Die Journalistin Susanne Ludwig findet die Leiche des NVA-Offiziers Konrad in ihrem Ferienhaus. Michael Herzberg ist der leitende Ermittler der Kriminalpolizei Neubrandenburg, der mit diesem Fall betraut wird. Nach einigen Recherchen findet sich die erste Spur, die mit der Wende zu tun hat. Aber ist das wirklich alles? Als Susanne sich von dem Schock ihrer Entdeckung erholt hat, wittert sie mit diesem Fall die Story ihres Lebens und beginnt sich ebenfalls umzuhören. Was ist damals vorgefallen, dass jemand nach fast dreißig Jahren noch so brutal Rache will?

Leitender Ermittler und Journalistin

Michael Herzberg ist 49 Jahre alt, groß und schlank und verheiratet. Seine Frau Renate sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Gerade gibt es in ihrer Ehe einige Differenzen. Herzberg hat vor vielen Jahren zehn Monate im Gefängnis gesessen. Er hat ständig das Bedürfnis, in geschlossenen Räumen ein Fenster zu öffnen.
Susanne Ludwig hat eine kleine Tochter, ist fast geschieden und streitet sich mit ihrem Ex-Mann um das Sorgerecht des Kindes. Außerdem ist sie psychisch labil und hat gerade keine Arbeit. Mit ihrem Artikel im Rahmen des Mordes möchte sie sich ihren Job zurückerobern.

Heimischer Tatort

Das Ende des Schweigens von Claudia Rikl habe ich vor allem lesen wollen, weil der Tatort in Mecklenburg ist und ich dort wohne. Es handelt sich um einen typischen Kriminalroman, bei dem die Ermittlungen im Vordergrund stehen. Die Todesursache des Opfers ist ziemlich grausam, wird aber nicht sehr detailliert und blutig geschildert. Die Geschichte ist in einzelne Tage untergliedert, wodurch es zu recht langen Kapiteln kommt.

Zwei Spuren

Die erste große Spur, die das Ermittlungsteam findet und der sie nachgeht, ist eher unspektakulär. Während des Lesens habe ich gedacht, dass es das jetzt ja wohl nicht wirklich ist. Ist es zum Glück auch nicht, die nächste Spur ist dann wesentlich interessanter und passt eher zu einem Mord nach so vielen Jahren. Es geht hauptsächlich um die Wende und die NVA. Das steht zwar auch auf dem Klappentext, aber hätte ich das vorher gewusst, hätte ich das Buch vermutlich nicht ausgewählt. Im Nachhinein bin ich aber doch froh, dass ich es gelesen habe, da das Thema für mich sehr interessant war.

In der Mitte des Romans entstand meiner Meinung nach eine kleine Flaute, die mit dem Verfolgen der ersten Spur zu tun hat, dennoch liest sich der Text sehr flüssig. Am Ende kommt etwas Fahrt auf, ohne dass ich total „vom Hocker gerissen“ wurde. Im Großen und Ganzen ein solider Krimi.

Claudia Rikl wurde 1972 in Naumburg geboren, ist dort aufgewachsen und hat die Wendezeit als Abiturientin erlebt. Die Zeit der Demonstrationen und überfüllten Kirchen, des Zusammenbruchs und Neubeginns war prägend für sie. Die Juristin und Literaturwissenschaftlerin lebt mit ihrer Familie in Leipzig. Derzeit arbeitet sie am nächsten Fall für Michael Herzberg. (Klappentext)

 

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Das Ende des Schweigens | Erschienen am 13. März 2018 bei Kindler im Rowohlt Verlag
ISBN 978-346340-685-5
528 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

26. März 2018