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Haylen Beck | Ohne Spur

Haylen Beck | Ohne Spur

Sie trat an das Gitter, hielt sich mit den Händen daran fest und sah Whiteside an, der nur wenige Zentimeter entfernt auf der anderen Seite stand. „Bitte“, sagte sie und konnte das Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken. „Ich habe alles getan, was Sie gesagt haben. Ich habe kooperiert. Bitte sagen Sie mir jetzt, wo meine Kinder sind.“ Whiteside erwiderte ihren Blick unbewegt. „Was für Kinder?“, fragte er. (Auszug Seite 52)

Audra Kinney ist auf der Flucht quer durch Arizona. Sie hat in New York Hals über Kopf ihre beiden kleinen Kinder ins Auto gepackt und will bei einer Freundin in San Diego unterkommen. Von ihrem Ehemann, der sie jahrelang psychisch wie physisch malträtiert hat, lebt sie getrennt. Doch er drohte, mit falschen Anschuldigungen, die sich auf Audras frühere Alkohol- und Drogensucht beziehen, ihr den 10-jährigen Sean und die 5-jährige Louise wegzunehmen und hatte die Jugendbehörde eingeschaltet.

Haylen Beck wechselt in kurzen Kapiteln zwischen den aktuellen Geschehnissen und Rückblenden in Audras Vergangenheit, die erklären, wie es zu ihrer Flucht kam. Audra stammt aus ärmlichen Verhältnissen und ihr reicher Ehemann und dessen Mutter haben sie das immer spüren lassen.

Roadtrip

Audra ist während der Fahrt sehr nervös und fürchtet hinter jeder Ecke Gefahr, zum Beispiel in Form von Beamten, die ihr Mann ihr auf den Hals hetzen könnte. Und tatsächlich wird sie in der Wüste von Arizona von einer Polizeistreife aufgrund einer Routinekontrolle angehalten. Als der Sheriff im Kofferraum ihres Wagens ein Päckchen Marihuana findet, beginnt für Audra ein schlimmer Albtraum. Trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen wird sie wegen Drogenbesitzes verhaftet und ihre Kinder werden von einer dazu gerufenen Kollegin „an einen sicheren Ort“ gebracht. Es kommt aber noch schlimmer: Audra wird mit Handschellen gefesselt in den nächsten Ort Silver Water gebracht. Als sie nach ihren Kindern fragt, behaupten Sheriff Ronald Whiteside und Deputy Mary Collins, diese nie gesehen zu haben. Audra glaubt zuerst an ein schnell aufzuklärendes Missverständnis und vermutet später ihren Ehemann als Drahtzieher. Auch als sie verdächtigt wird, ihre Kinder getötet zu haben und das FBI eingeschaltet wird, um zu ermitteln, bleibt sie bei ihrer Version der Geschichte. In der Zwischenzeit schwappt eine Medienwelle über den kleinen Ort.

Ein sicherer Ort

Das fiktive Silver Water ist einer dieser abgewirtschafteten Orte in den USA, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit. In dem unwirtlichen, tristen Städtchen in der Wüste Arizonas möchte man nicht tot über dem Zaun hängen. Früher lebte der ganze Bezirk von einer Kupfermine. Doch seit diese geschlossen wurde, ist aus der einst wohlhabenden Gegend eine trostlose, sterbende Siedlung geworden und wer kann, hat sich längst aus dem Staub gemacht und ist weggezogen. Die verbliebenen Einwohner leben von der Sozialhilfe und warten verbittert nur noch auf den Tod, wie der ganze Ort. Und so heißt es an einer Stelle:

„… Sie stehen im Moment womöglich auf dem ärmsten Fleck der Vereinigten Staaten, und ich soll hier für ein Butterbrot für Ordnung und Sicherheit sorgen.“ (Seite 123)

Die Beschreibungen der trockenen Landschaft mit der brütenden, unerträglichen Hitze in der kargen Vegetation fand ich sehr stimmig und atmosphärisch. Man sieht die Weite des Landes und die Unendlichkeit der Wüste bildlich vor sich. Von der ersten Seite an ist die permanente Bedrohung und verzweifelte Ausweglosigkeit, in der sich Audra befindet, spürbar. Die dramatischen Szenen, in denen sie der Sheriff anhält, sind packend und drehbuchreif geschildert. Hier hat der Thriller seine besten Momente während der Handlungsstrang in Audras Vergangenheit dagegen nichts Neues erzählt.

Darknet

Im weit entfernten San Francisco sieht derweil der chinesisch-stämmige Danny Lee in den Fernsehnachrichten einen Bericht über die verschwundenen Kinder und die mutmaßliche Mörderin, ihre Mutter Audra Kinney. Erinnerungen werden wach an seine verschwundene Tochter vor einigen Jahren. Die Hintergründe ähneln sich und so macht sich Danny Lee auf den Weg nach Silver Water.

An dieser Stelle wird schnell klar, in welche Richtung der Plot geht und das fand ich etwas schade. Der Thriller wurde dadurch für mich ein bisschen vorhersehbar und zum Schluss hin auch etwas konstruiert und krankt auch daran, dass man als Leser immer einen Wissensvorsprung zu den Ermittlungen hat.

Bei dem Thriller Ohne Spur von Haylen Beck handelt es sich um leichtgängige und kurzweilige Unterhaltung ohne besonderen Tiefgang. Da macht es auch fast gar nichts, dass die Charaktere nur unzureichend ausgearbeitet wurden. Mit Ausnahme vielleicht des skrupellosen Sheriffs, den ich als sehr gelungen empfand. Der solide und souverän erzählte Thriller ist flüssig und schnell zu lesen und weiß absolut zu fesseln. Haylen Beck gewährt einen Einblick in wirklich verabscheuungswürdige Machenschaften – Stichwort Darknet – ohne darüber genau ins Detail zu gehen oder den Leser mit zu drastischen Einzelheiten zu quälen.

Haylen Beck ist das Pseudonym des nordirischen Autors Stuart Neville. Seit 2009 ist er regelmäßig in Arizona unterwegs. Ihn fasziniert die Wüste, die er als Gegenteil seiner regnerischen und grünen Heimat Irland empfindet. Den nächsten Thriller hat der Vater von zwei Kindern schon fertig und es soll hauptsächlich wieder um Elternschaft gehen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ohne Spur | Erschienen am 21. September 2018 bei dtv
ISBN 978-3-423-21764-4
384 Seiten | 9.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Alan Parks | Blutiger Januar

Alan Parks | Blutiger Januar

Madame Polo stand auf, brachte McCoy zur Haustür. „Finden Sie heraus, was ihr da widerfahren ist, Mr. McCoy.“ Im Licht der Diele wirkte sie älter, müde. „Die Leute schauen auf die Mädchen hier herab, halten sie für wertlos. Aber es sind einfach nur Mädchen, nicht besser und nicht schlimmer als alle anderen.“ (Auszug Seite 159)

Glasgow, 1.Januar 1973: Detective Harry McCoy wird ins Gefängnis gerufen, wo ihm der Gefangene Howie Nairn den Tipp gibt, dass ein Mädchen namens Lorna demnächst umgebracht werden soll. Obwohl McCoy dieser Tipp des skrupellosen Nairns reichlich merkwürdig vorkommt, macht er sich tatsächlich auf die Suche nach Lorna. Doch als er und sein Kollege Wattie am Busbahnhof auf Lorna warten, taucht plötzlich ein Jugendlicher mit einer Waffe auf und erschießt erst Lorna, dann sich selbst.

Der Fall erscheint sehr rätselhaft – eine Beziehungstat erscheint McCoys Kollegen noch am wahrscheinlichsten. Doch wie passt Howie Nairn da ins Bild? Bevor McCoy dies herausfinden kann, wird Nairn im Gefängnis ermordet. Lornas Mörder, Tommy Malone, arbeitete im Anwesen der Dunlops, einer der einflussreichsten Familien der Stadt, auf die McCoy allerdings nicht gut zu sprechen ist – und umgekehrt. Das kann McCoy nicht als Zufall abtun. Zudem wird schnell klar, dass Lorna als Gelegenheitsprostituierte gearbeitet hat und dabei auch etwas härtere Wünsche der Kunden erfüllt hat. Obwohl McCoy von verschiedenen Stellen gewarnt wird und sein Chef den Fall für beendet erklärt, setzt er seine Untersuchungen fort.

Blutiger Januar ist der Auftakt zu einer angekündigten Serie mit Harry McCoy im düsteren Glasgow der 1970er Jahre. Autor Alan Parks war vor seinem Romandebüt Creative Director eines Musiklabels, daher gibt es auch hier immer mal musikalische Remineszenzen, beispielsweise einen Auftritt von David Bowie, der tatsächlich im Januar 1973 in Glasgow stattfand. Seine Hauptfigur Harry McCoy ist ein hartgesottener Cop, wie er im Buche steht. Ein Einzelgänger, heruntergekommen, seine Ex lebt inzwischen mit seinem größten Rivalen zusammen, durchaus impulsiv, Alkohol und Drogen nicht abgeneigt, pflegt die Zweisamkeit mit einer süchtigen Prostituierten. Er ist jedoch ein guter Cop, weshalb sein Chef Murray noch seine schützende Hand über ihn hält, obwohl er den Einflussreichen in Glasgow regelmäßig auf die Füße tritt. Doch McCoy ist noch aus einem anderen Grund angreifbar. Er und der Gangsterboss Stevie Cooper sind seit gemeinsamen, schrecklichen Tagen in einem Kinderheim dicke Kumpels. Und obwohl er und Cooper natürlich kleinere Deals zum gegenseitigen Vorteil machen, hält sich McCoy für selbstbestimmt. Doch welche Folgen sein enges Verhältnis zu Cooper haben kann, wird ihm im Laufe dieser Geschichte nur allzu bewusst.

Springburn bestand nur noch aus Autobahnen, halb demolierten Wohnblocks mit tapezierten Zimmern unter freiem Himmel und einem einzigen, im Nichts gestrandeten Pub. Ringsum war alles verschwunden. Die Stadtverwaltung hätte ebenso gut Brandbomben werfen können, das wäre wenigstens schneller gegangen. (Seite 58-59)

Sehr überzeugend ist der gewählte Schauplatz. Glasgow ist Anfang der 1970er Jahre seit einiger Zeit eine Stadt im Niedergang: Deindustrialisierung, Verfall der Bausubstanz, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Die gut gemeinten städtebaulichen Gegenmaßnahmen der 60er mit dem Ausbau der Autobahnen und Großwohnsiedlungen haben die Situation letztlich nur verschlimmbessert. Mit dem Verfall kamen auch die Drogen in die Stadt: Das Marihuana der Sechziger wird mehr und mehr von härteren Sachen abgelöst: Speed und Heroin. Hinzu kommt in diesem Roman das schmuddelige Januarwetter. So bewegt sich Alan Parks in bester Tradition William McIlvanneys, der 1977 mit Laidlaw das düstere Glasgow als Kriminalschauplatz in Szene setzte.

Blutiger Januar erfindet das Genre nicht neu. Die Zutaten sind durchaus bekannt, werden aber zu einem wirklich guten, harten Copkrimi angerichtet. Eine schwarze Geschichte von Drogen, Sexpartys, Ausbeutung, Korruption und Mord in einem schmutzig-düsteren Glasgow mit einem ambivalenten Cop. Das Ganze ist sehr geradlinig geschrieben. Ein gelungener Reihenauftakt, der Anfang 2019 mit dem Titel February’s Son fortgesetzt wird.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blutiger Januar | Erschienen am 3. September 2018 bei Heyne Hardcore
ISBN 987-3-453-27188-3
400 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zu Laidlaw von William McIlvanneys.

Melanie Raabe | Der Schatten

Melanie Raabe | Der Schatten

„Die alte Bettlerin von vorhin stand direkt vor ihr. Sie war so hochgewachsen, dass Norah zu ihr aufschauen musste. Instinktiv griff sie in ihre Handtasche und nach ihrem Portemonnaie, um der Frau ein paar Euro zu geben.
„Du bringst den Tod“, sagte die Frau.
Ihre Stimme klang ruhig und rau.
Stirnrunzelnd blickte Norah sie an.
„Was haben Sie gerade zu mir gesagt?“ (Auszug Seite 21)

Norah Richter ist gerade nach Wien gezogen und kurze Zeit nach ihrer Ankunft macht sie eine merkwürdige Begegnung: Mitten auf der Straße spricht sie eine Bettlerin an und prophezeit ihr, dass sie am 11. Februar einen Mann namens Arthur Grimm am Prater ermorden wird. Norah versucht das Ganze zunächst zu vergessen, aber als noch andere merkwürdige Dinge passieren und sie immer wieder an ihre Schulfreundin Valerie, die sich umgebracht hat, erinnert wird, beginnt sie zu recherchieren. Und schon bald ist die Vorhersage gar nicht mehr so abwegig…

Norah ist 34 Jahre alt, arbeitet als Journalistin und ist nach der Trennung von ihrem Freund Alex gerade von Berlin nach Wien gezogen. Seitdem der Start in der neuen Stadt so merkwürdig begonnen hat, raucht Norah wieder zu viel, isst zu wenig, genehmigt sich öfter einen Drink und verbringt viele Nächte wach.

Der Anfang schwächelt

Der Schatten von Melanie Raabe ist der dritte und aktuelle Thriller der Autorin. Da ich die beiden vorangegangen Bücher der Autorin bereits gelesen habe, hatte ich eine gewisse Erwartungshaltung, die teilweise erfüllt wurde. In der ersten Hälfte der Geschichte wurde ich noch nicht so gepackt, wie ich es mir gewünscht habe, die zweite Hälfte machte das allerdings wieder wett. Als langsam klar wird, dass Norah tatsächlich einen Grund hat, der Prophezeiung Folge zu leisten, konnte ich es gar nicht mehr erwarten, alle Hintergründe zu erfahren.

#sleeplessinvienna

Besonders charmant finde ich, dass die Protagonistin einen eigenen Instagram- & Twitter-Account besitzt, auf denen interessierte Leser etwas durch die Straßen Wiens und Norahs Leben mitgenommen werden, wodurch Norah realer wird und ich mich noch besser in sie hineinversetzen konnte. Mir war Norah sehr sympathisch, obwohl sie ja auch ein bisschen nach Klischee gestaltet wurde. Auch wenn rauchende, trinkende und die Nacht durchgrübelnde Protagonisten nichts Neues sind, habe ich gern von Norah gelesen.

Auch das Ende überzeugt nicht ganz

Das Ende hat mich mit einer überraschenden Auflösung gepackt, doch die „Umsetzung“ fand ich ein bisschen zu dramatisch. Nachdem ich jetzt alle drei Thriller der Autorin gelesen und einen Vergleich habe, ist dieser meiner Meinung nach am schwächsten. Nichtsdestotrotz macht man beim Kauf keinen Fehler und bekommt gute Unterhaltung, die auch zum Nachdenken anregt.

Melanie Raabe studierte in Bochum Medienwissenschaft und Literatur. Anschließend zog sie nach Köln, um dort tagsüber als Journalistin zu arbeiten und nachts Bücher zu schreiben. Die Autorin hat bisher drei Thriller veröffentlicht und auch Hollywood hat ihre Geschichten entdeckt. Melanie Raabe setzt sich außerdem als Lesebotschafterin der Stiftung Lesen für die Leseförderung ein.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Der Schatten | Erschienen am 23. Juli 2018 bei btb
ISBN 978-3-442-75752-7
416 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezensionen zu den Thrillern Die Falle und Die Wahrheit.

Dennis Lehane | Ein letzter Drink

Dennis Lehane | Ein letzter Drink

Seit ich meinen ersten Roman von Dennis Lehane gelesen habe, bin ich begeistert von seinem flüssigen, homogenen Erzählstil, der charakteristisch ist für seine Bücher. Bei nachfolgenden Geschichten habe ich dies neben seinen besonderen Figuren sehr geschätzt.

Auch in seinem Erstling, dem Detektivroman Ein letzter Drink ist dies schon seine Basis, allerdings ging er die Patrick Kenzie/Angela Gennaro-Krimis anders an. Lehane hat den Detektiv Kenzie als Ich-Erzähler installiert, den wir dadurch auf eine andere Art kennenlernen, was aber auch Rückblicke persönlicher Natur aus seiner eigenen Sicht schlüssiger ermöglicht.

Patrick Kenzie betreibt gemeinsam mit seiner Partnerin Angela Gennaro eine Detektei in South Bosten, deren Büro sich im Glockenturm einer Kirche befindet, mehr aus praktischen Gesichtspunkten, denn aus Glaubensgründen. Denn damit ist es bei Patrick Kenzie nicht weit her. Er ist ein rauher Kerl, der Prügel kassiert und nicht davor zurückscheut, selbst auszuteilen, Schnauze um Schnauze! Dabei hat er auch eine durchaus gefühlvolle Seite, insbesondere seiner Partnerin Angie gegenüber, die er – nicht nur heimlich – anhimmelt. Ihren Mann, von dem sie regelmäßig Schläge kassiert, verflucht er, doch Angie bindet ihm die Hände.

In ihrem aktuellen Fall, sollen die beiden eine verschwundene Person finden. Bei einem Treffen mit seinem Klienten im Ritz, trifft er auf seinen Abgeordneten, den seiner Stadt Dorchester, der ihn in Gegenwart weiterer, ranghöherer Politiker, engagiert, seine Putzfrau ausfindig zu machen. Sie soll mit brisanten Unterlagen verschwunden sein, die eine wichtige bevorstehende Abstimmung gefährden könnten.

Ein easy Job, wie die beiden denken. Aber für einen hardboiled Lehane wohl weitaus zu easy, als dass das alles wäre. Kenzie und Angie machen Jenna, die Putzfrau, relativ rasch ausfindig, allerdings hat diese keine Dokumente mitgehen lassen, sondern hochbrisante Fotografien, an denen noch weitere Personenen größtes Interesse haben. Bei der Übergabe eines der Fotos wird Jenna erschossen. Das Bild bietet zwar Ansätze, aber was die beiden Detektive bei den Ermittlungen noch ausgraben werden, hatten sie nicht erahnt.

Dennis Lehane hat insgesamt sechs Kenzie-Fälle geschrieben und veröffentlicht. Ein letzter Drink war sowohl sein Debüt als auch sein erster Kenzie-Roman. Mir liegen seine anderen Romane sehr, hier hat mich die deutlich distanziertere Beziehung zu den Romanfiguren gestört. Der Erzählstil ist flüssig, ist gleichbleibend gut, aber eben ein anderer als zum Beispiel in Mystic River oder In der Nacht. Die Kapitel sind recht kurz, was in Kombination mit der Sprache des Detektivs als Ich-Erzähler ein Stakkato erzeugt. Dadurch habe ich mich weder der Geschichte noch den Protagonisten nahe gefühlt. Wer Detektivromane mag, sollte die von Dennis Lehane unbedingt lesen, aber ich habe für mich durch diesen Titel gelernt, dass dieses Subgenre nicht mein Fall ist. Leider, muss ich sagen, denn ich finde ihn ja großartig! Wie ich mich kenne, lese ich irgendwann den 2. Kenzie-Fall und dann platzt der Knoten vielleicht.

 

Ein letzter Drink | Erstveröffentlichung 1994
Die aktuelle Ausgabe erschien am 24. August 2016 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-30030-7
368 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Unter Schmerzen preßte Cairo durch die Zähne: „Ich hätte Sie erschießen können, Mr. Spade!“ „Sie hätten es versuchen können“, räumte Spade ein. „Ich habe es nicht versucht.“ „Ich weiß.“ „Warum haben Sie mich dann geschlagen, nachdem ich entwaffnet war?“ „Tut mir leid“, sagte Spade mit einem wölfischen Grinsen, das seine Backenzähne sehen ließ, „aber stellen Sie sich meine Bestürzung vor, als ich feststellen mußte, daß ihr Fünftausend-Dollar-Angebot nur aus Luft besteht.“ „Da irren Sie sich, Mr. Spade. Das war und ist weiterhin ein ehrliches Angebot.“ (Auszug Seite 55)

Ende der 20er Jahre betreibt Samuel Spade zusammen mit seinem Partner Miles Archer in San Francisco eine Privatdetektei. Eines Tages werden sie von der attraktiven Miss Wonderley konsultiert, die sich Sorgen um ihre Schwester macht, da diese angeblich mit einem ziemlich windigen Typen namens Fred Thursby durchgebrannt sei. Das hört sich nach einem harmlosen aber gut bezahlten Routinefall an und so übernimmt Archer noch am gleichen Abend die Observierung von Thursby. Mitten in der Nacht erfährt Sam Spade durch die Polizei, dass sein Partner erschossen wurde. Noch während Spade am Fundort der Leiche eintrifft, wird auch Thursby ermordet aufgefunden.

Was führt die schöne Rothaarige im Schilde?

Sam verärgert die Polizei, da er nicht kooperieren und den Namen der Auftraggeberin verraten will. Währenddessen befürchtet Miles‘ Witwe Iva Archer, mit der Sam hinter Miles Rücken ein Verhältnis hatte, er habe Miles umgebracht, um mit ihr zusammen sein zu können.

Spade sucht seine Klientin im Hotel auf, die ihm sofort gesteht, die Geschichte mit ihrer Schwester erfunden zu haben. Ihr richtiger Name wäre Brigid O’Shaughnessy und sie wäre vor kurzem mit Thursby aus Hongkong gekommen. Die attraktive Rothaarige scheint vor irgendetwas Angst zu haben, rückt aber nicht richtig mit der Sprache raus und macht Spade schöne Augen, damit er ihr hilft.

In seinem Büro erhält Spade Besuch von dem geheimnisvollen, halbseidenen Joel Cairo. Dieser bietet ihm 5.000 US-Dollar für die Beschaffung einer gestohlenen circa 30 cm großen Figur eines schwarzen Vogels an, die Cairo im Besitz von Brigid O’Shaughnessy vermutet.

Wo ist der Vogel ?

Spade wird schon seit einiger Zeit von einem jungen Mann beschattet. Er stellt den Verfolger zur Rede und wird kurz darauf von dessen Boss angerufen und um ein Treffen ins Hotel Alexandria gebeten. Caspar „ G“ Gutman ist ebenfalls hinter der offenbar sehr wertvollen Vogelstatuette her. Nach kurzem Zögern verrät G ihm die Geschichte hinter dem Falken. Es handelt sich um ein Geschenk des Malteserordens im 16. Jahrhundert an den damaligen König von Schweden. Die mit kostbaren Edelsteinen und Juwelen verzierte Goldstatue wurde mit schwarzer Emailleschicht bedeckt, um den Wert zu verbergen. Gutman jagt schon seit 17 Jahren wie besessen hinter dem Malteser Falken her und verspricht Spade die hohe Summe von 10.000,00 US-Dollar für das Auftreiben des Falken. Und der gewiefte Detektiv blufft, spielt mit und lässt sich nicht in die Karten schauen.

Während aus einer anfangs harmlos scheinenden Observation eine mörderische Jagd nach einer wertvollen Statue wird, verirrt sich der Erzählfaden teilweise im Gewirr der undurchschaubaren Figuren. Am Schluss kommt es bei der Aufklärung der Morde noch zu einigen Überraschungen.

Der unterhaltsame Krimi ist kurzweilig aber nicht rasend spannend, dafür fehlt es an Dramatik. Er lebt von dem kontroversen Aufeinandertreffen seiner Figuren und der Fokussierung auf seine Hauptfigur. Die trockenen, sprachlich knappen Dialoge ziehen sich teilweise in die Länge. Obwohl Hammett sich nicht in ausschweifenden Beschreibungen verliert, wird die Atmosphäre der 30er Jahre gut eingefangen.

Wer ist Sam Spade?

Dashiell Hammett erzählt die Geschichte komplett aus der Perspektive seines Helden Sam Spade. Trotzdem wird dem Leser kein Einblick in die Gefühlswelt des Detektivs präsentiert, so dass man dem Protagonisten nie wirklich nahe kommt. Man weiß nicht, was man von ihm halten soll. Die Ermordung seines Partners scheint ihn nicht zu kümmern, mit Miss O’Shaughnessy beginnt er eine Affäre, aber ob er ihr glaubt, kann man nur vermuten. Dagegen nimmt die Beschreibung der äußerlichen Kennzeichen wie zum Beispiel Gestik und Mimik übertrieben viel Raum ein. Sam wird als umgänglicher, blonder Satan beschrieben, dessen Gesicht aus lauter V’s besteht und der mit gelbgrauen Augen ein wölfisches Lächeln zeigt, dagegen wechselt seine Hautfarbe ins Gelbliche, wenn er wütend wird. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit Humphrey Bogart vor Augen. Dabei ist die kongeniale Kinoversion von John Huston aus dem Jahre 1931 bereits die dritte Verfilmung des Stoffes. Und für Bogart war es die Rolle, die ihn zum Kultstar machte.

Mit der Figur des Samuel Spade hat Dashiell Hammett eine unvergessliche Figur erschaffen, praktisch den Archetyp des hartgesottenen, coolen Privatdetektivs in Literatur und Film. Ein zynischer Einzelgänger ohne Illusionen, der niemandem traut. Er ist viel zu schlau, um sich manipulieren zu lassen und laviert opportun zwischen den Parteien.

Heute wirkt das vom Autor kreierte Figurenpersonal klischeehaft, aber zu seiner Zeit hat Hammett Maßstäbe gesetzt, denn zum ersten Mal waren die Charaktere alle rücksichtslos und konnten nicht einfach in Gut und Böse aufgeteilt werden. In einer skrupellosen Gesellschaft sind die habgierige Figuren in Der Malteser Falke nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, lügen und betrügen. Die düstere Bild- und Figurenwelt sowie die pessimistische Grundstimmung als Unterschied zum klassischen englischen Krimi revolutionierte in den 30er Jahren den Detektivroman. Ein Klassiker mit knapp 230 Seiten, den ich gerne gelesen habe!

Dashiell Hammett wurde 1894 in Maryland geboren. Mit 13 Jahren arbeitete er bereits in einer Detektivagentur, kann also aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Er gilt neben Raymond Chandler als stilbildend für das Genre des Detektivromans und als Begründer der hardboiled Novel. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei geriet er in die Mühlen der McCarthy-Ära. Seine Aussagen vor dem McCarthy-Ausschuss 1953 wurden im Fernsehen übertragen. Er saß im Gefängnis und verstarb verarmt im Jahre 1961.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Malteser Falke | Erstveröffentlichung …
Die aktuelle Ausgabe erschien am 1. Mai 2004 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-20131-4
240 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.