Autor: Nora

Camilla Läckberg | Die Eishexe

Camilla Läckberg | Die Eishexe

„Schließlich hatte niemand mehr eine Frage an Märta, und Britta kam mit ihrem eiskalten Lächeln nach vorn, um sie abzuholen. Hexe, dachte Elin. Wenn jemand eine Hexe ist, dann sie. Als Britta mit Märta zum Ausgang gehen wollte, drehte sich das Kind noch einmal um und winkte Elin strahlend zu. Dann verschwand ihre Tochter in der Hand der Eishexe.“ (Auszug Seite 643)

Vor dreißig Jahren ist die vierjährige Stella vom elterlichen Hof verschwunden und wurde kurze Zeit später tot aufgefunden. Damals wurden zwei dreizehnjährige Mädchen für die Tat verantwortlich gemacht. Jetzt ist das gleiche nochmal passiert. Vom selben Hof einer anderen Familie. Kurz nachdem eins der für schuldig erklärten Mädchen von damals wieder an ihren Heimatort zurückgehkehrt ist. Ist das nicht etwas viel Zufall?

Erica & Patrik

Protagonisten sind der Polizist Patrik und seine Frau Erica. Beide sind verheiratet und haben drei Kinder. Erica ist Schriftstellerin und hat gerade damit begonnen, ein Buch über Stella zu schreiben, als das zweite Mädchen vermisst wird. Es ist für das Ehepaar nicht einfach, beide zeitaufwändigen Jobs und das Familienleben unter einen Hut zu bekommen. Sie meistern es aufgrund von viel Unterstützung aus der Familie aber sehr gut, wie ich finde.

Viele Seiten und viele Personen

Die Eishexe von Camilla Läckberg ist ein ziemlicher „Schinken“ mit 752 Seiten. Die Handlung ist sehr komplex und es tauchen viele Namen auf, aber zu keiner Zeit habe ich den Überblick verloren (auf der deutschen Homepage der Autorin kann man sich ansonsten ein Figurenposter herunterladen). Die Geschichte bezieht sich nicht nur pur auf die Ermittlungen, sondern es wird auch viel vom Privatleben der Kommissare erzählt. Diese Teile hätte man bestimmt weglassen können, für die Stimmung der Geschichte sind sie aber unverzichtbar. Mir war es auch gar nicht zu viel, ich hatte zu keinen Zeitpunkt das Gefühl, dass es langatmig ist.

Eine Geschichte in der Geschichte

Im Roman bekommt so gut wie jede handelnde Person eine Stimme und nach und nach erschließt sich dem Leser, worum es hier geht und dass es viele Geheimnisse in dem kleinen schwedischen Ort Fjällbacka gibt. Die Ermittlungen starten schwerfällig, da es kaum Spuren oder Anhaltspunkte gibt. Am Ende der Kapitel gibt es noch einen Rückblick auf den ersten Vermisstenfall oder es wird von Elin Jonsdotter aus dem Jahre 1617 erzählt. Ich war sehr gespannt, wie sich diese zweite Geschichte im Buch mit den Ermittlungen verbindet und wurde zufriedengestellt.

Ein hochdramatisches Ende

Das Ende des Romans läuft dann etwas aus dem Ruder und ist wirklich hochdramatisch. Mir persönlich war das etwas zu viel. Außerdem wird hier auch das Thema Flüchtlinge aufgegriffen, was für mich aber interessant war, obwohl ich über das Thema sonst nicht so gerne lese. Jugendliche im heutigen Leben, Gruppendynamik und Mobbingopfer spielen ebenfalls eine Rolle. Zusammengefasst gibt es also viel Inhalt auf vielen Seiten, aber dadurch auch ein spannendes und langes Lesevergnügen.

Camilla Läckberg, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka – der kleine Ort und seine Umgebung sind Schauplatz ihrer Kriminalromane. Heute lebt sie in einer großen Patchworkfamilie in Stockholm. Dieses Buch ist der zehnte Krimi um Patrik und Erica.

Bei meiner Recherche zu der Autorin bin ich über die DVD-Box Mord in Fjällbacka gestoßen und habe sie bestellt. Seitdem bin ich ein großer Fan der Protagonisten und werde mir wohl auch die vorherigen Romane organisieren.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Eishexe | Erschienen am 2. Januar 2018 bei List
ISBN 978-3-471-35107-8
752 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezension zu Camilla Läckbergs Krimi Die Engelmacherin und Andreas Rezension zu Camilla Läckbergs Krimi Die Schneelöwin

25. April 2018

Linda Castillo | Böse Seelen

Linda Castillo | Böse Seelen

Böse Seelen ist der achte Fall um Polizeichefin Kate Burkholder und spielt diesmal in einer Amisch-Gemeinde im Staate New York. Ein 15-jähriges amisches Mädchen, wird nach einem Schneesturm erfroren im Wald aufgefunden. Bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass sich in ihrem Blut Spuren von Oxycontin, einem starken Schmerzmittel, befinden. Außerdem muss sie vor kurzer Zeit eine Abtreibung vorgenommen haben.

Kate Burkholder, selbst bis zum 18. Lebensjahr Angehörige einer Amischen Gemeinde in Ohio, wird von der New York State Police um Hilfe gebeten und geht als verdeckte Ermittlerin mit falscher amischer Identität nach Roaring Springs. Die mit den Ermittlungen betrauten Sheriffs Suggs und Betancourt bringen Sie in der Nähe der Gemeinde in einem ziemlich heruntergekommenen Wohnwagen auf einem Trailerplatz unter. Von dort aus nimmt sie zunächst mit einigen amischen Frauen, die in Roaring Springs arbeiten, Kontakt auf. So erfährt sie auch schon einiges über den für die Gemeinde zuständigen Bischof Schrock und wird zum nächsten Sonntags-Gottesdienst in die zu dessen Farm gehörende Scheune eingeladen.

Im weiteren Verlauf der Ermittlungen wird immer klarer, dass es auf der Farm nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Bei den Gesprächen mit den amischen Frauen erfährt Kate, dass auf Intervention des Bischofs der Enkel einer der Frauen, Rebecca, in eine andere Gemeinde geschickt wurde. Auch ihr Sohn, die Schwiegertochter und die beiden Enkelinnen sind anscheinend ohne Abschied abgereist, von keinem hat Rebecca bisher wieder ein Lebenszeichen erhalten. Kate trifft Rebecca kurz danach bei einem Nähkreis und bemerkt etwas, das ihre Ermittlung auf eine zusätzlich Spur bringt.

Alle Blicke schnellen zu Rebecca. Erst jetzt bemerke ich den Verband an ihrer linken Hand, den sie seltsamerweise zu verbergen versucht. Ich sehe genauer hin und erkenne an der Form, dass ihr kleiner Finger fehlt. Im allgemeinen ist bekannt, dass Farmarbeit gefährlich ist. (…) Solche Unfälle sind zweifellos traumatisch, aber warum der allgemeine Schock? In dem Moment wird mir klar, dass keine gefragt hat, wie das passiert ist. Sie wissen es schon, flüstert mir eine kleine Stimme ins Ohr. (Seite 189)

Bei einem nächtlichen Erkundungsgang am Fundort der Leiche des erforenen Mädchens im Wald auf dem Anwesen von Bischof Schrock stößt Kate auf zwei amische Männer auf Benzin betriebenen Schneemobilen – eine Beförderungsart, die Amischen eigentlich verboten ist. Auf den Rücksitzen bemerkt Kate zwei Frauen, die augenscheinlich nicht ganz freiwillig dabei sind. Da sie ihre Tarnung nicht aufgeben will, greift sie nicht ein, sondern informiert anschließend Sheriff Suggs und den Bischof.

Hätte ich ihn nicht so genau beobachtet, hätte ich den herablassenden, ja amüsierten Ausdruck, der kurz in seinen Augen aufblitzt, wahrscheinlich nicht bemerkt. Er hat nicht eine Frage nach dem Aussehen der beiden Männer gestellt, um sie ausfindig machen zu können. Du weißt bereits, wer sie waren, (…). (Seite 162)

Der Fall wird immer rätselhafter und Kate gerät in Lebensgefahr.

Linda Castillo hat den Plot zu Böse Seelen mit zahlreichen Hinweisen auf die eventuelle Auflösung gefüttert, allerdings ist die spannender und unerwarteter, als zunächst zu vermuten ist. Als Leser fühle ich mich wieder mitgenommen in die Atmospäre einer amischen Gemeinde und die Begebenheiten um Kate Burkholder, auch der Schreibstil in Ich-Form trägt dazu bei. Der Aufbau der Handlung hält die Spannung hoch bis zum Schluss. Der Handlungsstrang über die private Kate fällt diesmal kürzer aus, als in manchen der vorhergehenden Bücher, finde ich aber auch nicht schlimm.

Mein Fazit: Lesenswert bis zum Schluss, wieder mal ein gelungener Thriller aus der Welt der Amischen!

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Böse Seelen | Erschienen am 27. Juli 2017 im Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-596-29801-3
350 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Weiterlesen: Monikas Rezensionen zu den Linda Castillo Romanen Teuflisches Spiel, Mörderische Angst, Das Böse naht & Leise hallt der Tod sowie Grausame Nacht

19. April 2018

Jordan Harper | Die Rache der Polly McClusky

Jordan Harper | Die Rache der Polly McClusky

„Das ist kein Spiel, Polly. Da sind Männer mit Pistolen, die kein Problem damit haben, einem kleinen Mädchen weh zu tun.“ […]
„Du hast gesagt, für uns ist es überall gefährlich. Also sollten wir zusammenbleiben. Ich will helfen.“
Eine Weile lang sagte er nichts. Er warf ihr einen Blick von der Seite zu, atmete lange ein und langsam aus.
„Dann hilf mir.“
„Okay“, sagte Polly. „Aber du musst mir sagen, was ich machen soll. Ich hab noch nie was überfallen.“ (Auszug Seite 147)

Kurz vor seiner Entlassung bringt Nate McClusky mehr oder weniger in Notwehr einen Mitgefangenen im Gefängnis um und hat sich damit mit der mächtigen Gang „Aryan Steel“ angelegt. Ein Kopfgeld wird auf ihn ausgesetzt und nicht nur auf ihn, sondern auch auf seine Exfrau und ihre gemeinsame Tochter Polly. Polly ist ein schüchternes elfjähriges Mädchen und hat ihren Vater seit Jahren nicht mehr gesehen, bis dieser sie plötzlich von der Schule abholt und mit ihr die Flucht antritt.

Allerdings wird dies eine Flucht nach vorne, denn Nate merkt bald, dass er sich kaum noch verstecken kann. Pollys Mutter und ihr neuer Partner wurden bereits ermordet. Nate glaubt, dass er einen Waffenstillstand erreichen kann, wenn er zum Gegenschlag ausholt. Doch dafür braucht er Polly als echte Hilfe. So trainiert er seine Tochter zu einer Fighterin und legt damit einen Schalter bei dem intelligenten Mädchen um.

Obwohl das Buch aus mehreren Perspektiven erzählt wird, ist Polly das Zentrum dieses Romans, der eine Mischung aus Rache-Thriller, Road Movie und Coming-of-Age-Geschichte ist. Polly ist ein scheues Mädel, das in der Schule sehr in sich gekehrt ist und noch mit ihrem Teddybär herumläuft. Dieser ist ihr ständiger Begleiter, sie spricht mit ihm wie mit einem Familienangehörigen und lässt ihn sich pantomimisch erklären (Laut Autor eine Hommage an dessen eigenen Teddybär). Doch sie ist hochintelligent, was ein Schultest bewiesen hat. Zunächst fremdelt sie verständlicherweise mit ihrem Vater, der sich ebenfalls mit seiner Rolle noch anfreunden muss. Aber Polly wird der Ernst der Lage spätestens mit dem Tod ihrer Mutter bewusst und sie lernt schnell die Lektionen in Fitness, Selbstverteidigung und Ganoventum, die sich ihr Vater ausdenkt. Aber es dauert nicht lange, bis bei Tochter und Vater nicht so ganz klar ist, wer wen stärker beeinflusst.

In einem Interview mit dem Autor, das der Verlag dem Rezensionsexemplar beigefügt hat, erklärt Jordan Harper, dass er sich für Menschen interessiert, die schwach erscheinen, aber eigentlich recht stark sind. Daher seine Entscheidung für Polly als Hauptfigur und für diesen Rache-Plot. In meiner Generation sieht man natürlich sofort eine Parallele zum jungen Mädchen Mathilda aus Léon – Der Profi, dargestellt von der damals 13-jährigen Natalie Portman. Auch „Polly“ ist auf dem Weg zur Verfilmung (ob diesem dem Vergleich zu Léon standhalten kann, bleibt abzuwarten). Jordan Harper ist erfolgreicher Drehbuchautor und hat mit diesem Thriller sein Romandebüt vorgelegt. Er arbeitet zurzeit auch am Drehbuch. Und das alles verwundert nicht, denn das Buch ist von vornherein filmisch angelegt: Kurze Kapitel, schnelle Wechsel, rasante Action. Das liest sich problemlos weg und ist damit auch keineswegs langweilig. Und doch hatte ich am Ende das Gefühl, nicht wirklich etwas gelesen zu haben, was mir noch lange im Gedächtnis bleibt.

So bleibt mir am Ende für Die Rache der Polly McClusky nur eine sehr durchschnittliche Bewertung. Der Plot, Action und Spannung sind solide bis ordentlich, wenngleich oft etwas kalkuliert wirkend. Was mich allerdings wenig überzeugt hat, waren zum einen die Figur der Polly, deren Entwicklung vom scheuen Einzelkind zur knallharten Kämpferin, die in Sachen Rachedurst und Kampfeswillen sogar ihren Vater in den Schatten stellt, mir einfach zu glatt und nicht plausibel genug vorkommt. Zum anderen hat mir die Sprache und der Erzählstil nicht gefallen. Einmal haut Jordan Harper knallharte Sprache raus, um dann wenig später (oft in Pollys Perspektive) ein wenig Poesie versprühen zu wollen (Mädchen von der Venus, Wassermelonenhaare) oder er bringt Lautmalerei. Das passt nicht so richtig zusammen. Außerdem nervt dieser Teddybär!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Rache der Polly McClusky | Erschienen am 23. Februar 2018 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08150-7
288 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension dieses Buches auf dem Schurkenblog | Beitrag von Sonja Hartl über „Verbrecherische Mädchen“

17. April 2018

Tim Herden | Schwarzer Peter

Tim Herden | Schwarzer Peter

Damp kam auf der Gegenseite mit dem Streifenwagen angefahren. Kein Blaulicht. Es konnte also nicht dringend sein. Damp hatte wieder die alte grüne Uniform an. Er ließ die Seitenscheibe herunter, winkte kurz Claasen zu, doch der erwiderte nicht seinen Gruß, sondern fuhr einfach los. Dann wandte sich Damp an Rieder: „Ein Toter liegt am Schwarzen Peter.“ (Seite 48)

Bei der Beerdigung des Unternehmers Werner Gilde in Kloster auf Hiddensee kommt es zum Streit zwischen Sohn und Witwe. Beide beschuldigen sich, für den Tod von Gilde verantwortlich zu sein. Die beiden Inselpolizisten Ole Damp und Stefan Rieder nehmen sich der Sache an und beginnen zu ermitteln. Dann kommt es zu einem weiteren Todesfall. Handelt es sich in beiden Fällen um Mord?

Rieder

Stefan Rieder ist vor einem Jahr von Berlin nach Hiddensee gekommen, um eine „Auszeit“ zu nehmen. In diesem Jahr ist schon ziemlich viel passiert: diverse Mordfälle wurden aufgeklärt, Rieder war in eine Undercover-Ermittlung involviert und hat einige Frauen kennen und lieben gelernt. Seine letzte Freundin, die ein Café in Neuendorf betrieben hat, ist vor kurzem nach Mallorca geflüchtet. Rieder wohnt in Vitte in einem kleinen Kapitänshaus mit Außentoilette.

Hiddenseer Künstlerinnenbund

Schwarzer Peter von Tim Herden ist der fünfte Insel-Krimi um Damp und Rieder. Ich muss zugeben, dass ich mich wahnsinnig auf dieses Buch gefreut habe, da der letzte Teil Harter Ort bereits vor zwei Jahren erschienen ist. Besonders gelungen finde ich die detaillierten und wahren Insel-Schauplätze der Ermittler, immer auch verbunden mit ein bisschen Wahrheit. In diesem Buch geht es um die Gemälde des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, also um die Werke von Frauen, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Insel niedergelassen und gemalt haben.

Gegensätzliche Ermittler

Die Protagonisten Damp und Rieder sind sehr unterschiedlich. Ole Damp ist der große, übergewichtige Polizist, der die Arbeit nicht gerade erfunden hat und sich am meisten freut, wenn er einen Radfahrer ohne Licht oder mit Handy am Ohr mit einem Bußgeldbescheid ausstatten kann. Rieder ist das genaue Gegenteil: Er stürzt sich in die Arbeit, gerade bei Mordfällen, behält den Überblick und ist auf Zack. Rieder wird bei den Insulanern auch besser aufgenommen und akzeptiert, so bekommt er schon mal ein Geheimnis aus den eher verschlossenen Bewohnern raus.

Wahre Schauplätze

Besonders toll an diesen Krimis finde ich, dass das Leben auf der Insel wirklich so beschrieben wird, wie es auch ist. Also abgesehen von den vielen Morden. Mein Mann und ich haben uns in einem Sommer auch schon mal den Spaß gemacht und sind mit dem Rad auf der Insel alle Schauplätze aus den Geschichten abgefahren und sind tatsächlich immer fündig geworden. Die Ermittler gefallen mir, weil sie oft „frei Schnauze“ reden, also ziemlich locker sind und sich nicht so gewählt ausdrücken, und es oft auch witzig ist. Dieses Buch bekommt Spannung, weil immer wieder eine Spur verfolgt wird, die sich dann doch in Luft auflöst und die Recherchen von vorn beginnen müssen. Für den Fall wird eine SOKO gebildet und Rieder und Damp bekommen Unterstützung, allerdings geht eine Ermittlerin gern auch unkonventionelle Wege und bringt damit teilweise alle in Schwierigkeiten.

Letzter Teil?

Das Buch lässt die Vorfreude auf meinen Sommerurlaub auf Hiddensee ansteigen. Leider habe ich die Seiten verschlungen und hatte nur zwei Tage Lesevergnügen. Normalerweise habe ich mich sonst immer damit getröstet, dass es in zwei Jahren ein neues Buch gibt, aber das Cover lässt erahnen, dass das diesmal nicht der Fall sein wird. In einem Interview mit dem MDR hat der Autor auch sowas durchblicken lassen.

Tim Herden wurde 1965 in Halle (Saale) geboren, ist seit 1991 Fernsehredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin, er leitet seit 2016 das MDR-Fernsehstudio dort. 2010 veröffentlichte er seinen ersten Hiddensee-Krimi Gellengold.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schwarzer Peter | Erschienen am 6. März 2018 im Mitteldeutschen Verlag
ISBN 978-3-95462-758-5
308 Seiten | 12.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezension zu Tim Herdens Insel-Krimi Harter Ort

14. April 2018

Susanne Goga | Nachts am Askanischen Platz

Susanne Goga | Nachts am Askanischen Platz

Man hatte den Toten auf den Schulhof getragen, auf eine Plane gelegt und bis zum Kinn zugedeckt. Leo war bewusst, dass der eine oder andere schockiert sein würde – die Sekretärin wurde als Erste gerufen, damit sie es rasch hinter sich bringen konnte. Ein Schupo stand bereit, um ihr im Falle einer Ohnmacht beizustehen. (Auszug Seite 46)

Der Tote auf dem Schulgelände

Das Berlin der goldenen 1920er Jahre bildet die Kulisse für Susanne Gogas Serie um den Kriminalkommissar Leo Wechsler. In dem sechsten Teil der Reihe ermittelt die Polizei im Falle eines unbekannten Toten, der auf einem Schulgelände entdeckt wird. Der schäbig gekleidete Mann, der im Geräteschuppen des Berliner Gymnasiums im Januar 1928 erwürgt aufgefunden wird, kann erst mal nicht identifiziert werden. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass der Leichnam diverse Narben, Brüche und eine verheilte Schusswunde aufweist. Diese Merkmale sowie der unterernährte Zustand deuten auf Kriegsverletzungen hin. Viele ehemalige Soldaten waren nach dem 1. Weltkrieg in Gefangenschaft geraten und danach traumatisiert nicht mehr auf die Beine gekommen.

Für Leo Wechsler und seine Kollegen Robert Walther und Jacob Sonnenschein gestalten sich die Recherchen mühsam. Einziger Hinweis ist eine russisch sprechende, hilflos wirkende Frau. Diese hatte einige Tage zuvor verzweifelt in dem neben der Schule befindlichen Theater nach ihrem Verlobten, einem Mann namens Fjodor, gesucht.

Das Cabaret des Bösen

Der Fokus der Ermittlungen richtet sich nun auf das Varieté-Theater, in dem Schauerstücke aufgeführt werden. Das „Cabaret des Bösen“ ist ein Grusel- und Horrortheater, zurückgehend auf ein Pariser Vorbild und bietet ein besonders makabres Unterhaltungsprogramm. Den leicht anrüchigen Ruf verstärkt das Aussehen des Theaterdirektor Louis Lemasque noch. Dieser charismatische wie zwielichtige Mann versteckt sein durch eine Kriegsverletzung grausam entstelltes Gesicht nicht durch eine Maske oder einen Bart.

Die Suche nach der mysteriösen Russin führt unter anderem in eine Barackensiedlung am Tempelhofer Feld, wo russische Flüchtlinge unter einfachen Verhältnissen untergebracht sind und zum Schlesischen Bahnhof, wo sich eine Anlaufstelle für jüdische Flüchtlinge aus dem Osten befindet.

Wechsler will einer Spur nach Stuttgart nachgehen und lässt sich von Kriminalkommissar Ernst Gennat die für die damalige Zeit nicht alltägliche Dienstreise per Zug genehmigen. Der engagierte Oberkommissar ist sehr eingespannt und hat wenig Zeit für sein Privatleben. Trotzdem spürt er, dass sein halbwüchsiger Sohn Georg sich von ihm entfernt. Aber erst durch die Beobachtungen seiner Frau Clara kommt raus, dass Georg seit einiger Zeit heimlich und hinter dem Rücken seiner Familie mit der Hitlerjugend sympathisiert.

Mit der Figur des Oberkommissars Leo Wechsler ist der Autorin ein sympathischer, integrer sowie feinfühliger Charakter gelungen. Der intelligente Leo ist bei seinen Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen beliebt und angesehen. Er handelt überlegt und behält auch in Problemsituationen, wie die mit seinem Sohn, die Nerven und reagiert meistens souverän. Der ehemaliger Witwer mit zwei Kindern ist wieder sehr glücklich in zweiter Ehe mit der Buchhändlerin Clara verheiratet. Abgründe sucht man hier vergeblich. Mir ist er ein bisschen zu glatt gelungen, aber trotzdem hat er das Zeug zum beliebten Serienermittler, von dem ich gerne in weiteren Fällen lesen würde.

Susanne Goga hat in einem angenehmen, emphatischen und sehr flüssigen Schreibstil einen vielschichtigen Krimiplot mit viel klassischer Dektektivarbeit erschaffen, der durchaus zu unterhalten und zu fesseln vermag. Aus dem Thema des gruseligen Horrortheaters hätte man vielleicht mehr machen können. Nach einem ziemlich makaberen Prolog ist davon nicht mehr viel zu spüren. Der Krimi endet in einem spannenden Showdown und hätte vielleicht noch die ein oder andere Wendung vertragen.

Nasenjoseph

Susanne Goga hat akribisch recherchiert und die Atmosphäre im Berlin der 1920er Jahre hervorragend und präzise dargestellt. Noch geht es einigermaßen friedlich zu, doch die ersten Anzeichen der Nationalsozialisten tauchen am Horizont auf. Goga thematisiert unter anderem die Schicksale der Kriegsversehrten und arbeitet auch einige historisch belegte Charaktere ein, wie den Schönheitschirurgen Professor Jacques Joseph. Der als Nasenjoseph bekannt gewordene plastische Chirurg war äußerst erfolgreich auf dem Gebiet der Gesichtsrekonstruktionen an oft grausam entstellten Kriegsverletzten. Auch der schon zu Lebzeiten zur Legende gewordene Kriminalrat Ernst Gennat darf hier nicht fehlen. Der schwergewichtige Buddha vom Alexanderplatz gilt als Wegbereiter der modernen Polizeiarbeit. Informativ fand ich den im Anhang gegebenen Überblick über die im Roman auftauchenden real existierenden, historischen Persönlichkeiten.

Fazit

Es wundert nicht, dass es mittlerweile eine ganze Anzahl von Krimis gibt, die in Berlin in dieser brisanten Zeit spielen. Berlin war damals eine der bedeutendsten Metropolen Europas mit einer immensen Anziehungskraft. Ich kann Nachts am Askanischen Platz nur jedem empfehlen, der Interesse an dieser vielfältigen Epoche hat. Die Einbindung des historischen Kontextes gelingt der Autorin perfekt ohne zu plakativ zu wirken. Die Darstellung der damaligen Lebensverhältnissen fügt sich homogen in den Krimiplot ein, ohne dass historische Fakten aufgedrängt werden. Goga versteht es, Zeitgeschichte geschickt mit einem Kriminalfall zu verknüpfen, auch wenn ich das an anderer Stelle schon mal schillernder gelesen habe.

Susanne Goga

Benedict Cumberbatch wäre ihre Traumbesetzung für die Figur des Leo Wechsler. Das verriet die in Mönchengladbach lebende Autorin und freie literarische Übersetzerin. Für ihre historischen Romane wurde sie mit diversen Preisen ausgezeichnet. Am Berlin der Weimarer Zeit fasziniert sie, dass sich dort alle guten und schlechten Entwicklungen dieser Jahre potenzierten. Für das nötige Lokalkolorit ihrer Milieuschilderungen wälzte sie Fotobände, alte Telefonbücher und Stadtpläne und erkundigte sich bei Polizeiexperten sowie Historikern.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Nachts am Askanischen Platz | Erschienen am 9. Februar 2018 bei DTV
ISBN 978-3-423-21713-2
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

12. April 2018