Monat: Mai 2019

Doppelrezension: Saison der Wirbelstürme & Die Verschwundenen

Doppelrezension: Saison der Wirbelstürme & Die Verschwundenen

Doppelrezension Mexiko

„Hoch in den Bergen erhebt sich der Adler auf silbernen Flügeln/Die Lieder der Indios/das Schweigen der Sierra/das Mondlicht auf den Hügeln“: Mexico mi amor – das Sehnsuchtsland deutscher Schlager. Rote Sonne, Sombreros, Latino-Frauen. Doch das Bild vom realem Mexiko sieht ein wenig anders aus. Heutzutage gilt das Land in Mittelamerika vielen als „failed state“, als ein Land, in der die Staatsmacht die Kontrolle längst verloren hat. In seinem Essay „Der rote Teppich“ beschreibt Juan Villoro die Machtausübung in Mexiko als „Gewerbe der Finsternis“, das „weder Transparenz noch Rechenschaftspflicht kennt“. In der ersten Dekade des neuen Jahrtausends „wurde Mexiko ein Land von Blut und Blei“, ohne dass der Staat die Drogenkartelle letztlich ernsthaft schwächen konnte. Korruption, Seilschaften und Gewalt gehören seit jeher zum mexikanischen Alltag. Villoro zitiert den Schriftsteller Martín Luis Guzmán: „Wer zuerst schießt, tötet zuerst. Denn die mexikanische Politik, eine Politik der Pistole, konjugiert nur ein Verb: früh aufstehen.“ In einem solchen Rahmen ist ein literarischer Blick auf die mexikanische Gesellschaft interessant. Dabei muss nicht zwangsläufig der Rahmen eines Kriminalromans gewählt werden. Fernanda Melchor, junge Autorin aus dem Bundesstaat Veracruz, schrieb mit Saison der Wirbelstürme einen wütenden, noiresken Gesellschaftsroman aus einem Dorf irgendwo im Nirgendwo. Antonio Ortuño, bereits etablierter Autor, in Deutschland vor allem durch seinen Roman Die Verbrannten, hingegen siedelt seinen Roman in der Millionenstadt Guadalajara an. Zeit für eine Doppelrezension.

Fernanda Melchor | Saison der Wirbelstürme

In La Matosa, einem fiktiven Kaff in der mexikanischen Provinz, wird im Schilf eines Bewässerungskanals eine Leiche gefunden. Es ist die „Hexe“, die berühmt-berüchtigte „Heilerin“ des Dorfes, gefürchtet, verachtet und doch umgarnt. Die „Hexe“ war ein Transvestit, lebte in einem abgeschotteten Haus, wurde von den Frauen wegen ihrer Geheimtränke, von den Männern wegen sexueller Ausschweifungen und berüchtigter Drogenpartys aufgesucht. Wer sie ermordete, ist eigentlich weniger interessant, vielmehr wollen viele wissen, was es mit dem Schatz auf sich hat, der angeblich in ihrem Haus versteckt sein soll.

Fick deine Mutter, zischte Luismi. Stell dich nicht blöd, spöttelte Munra, du weißt genau, wovon ich rede. So sind die Weiber, wenn sie einen festzurren wollen: Sie nehmen ein paar Tropfen von ihrem schmutzigen Blut und träufeln es dir heimlich ins Wasser oder in die Suppe oder schmieren dir einen Tropfen auf die Ferse, während du schläfst, und das reicht, um dich ganz vernarrt zu machen, so wie du es jetzt in die Norma bist, merkst du nicht? (Seite 81).

Der Roman beginnt mit dem Fund einer Leiche, doch ein Krimi wird sich daraus nicht entwickeln, obwohl der Leser am Ende auch die Mörder kennen wird. Vielmehr entwickelt Autorin Fernanda Melchor ein kraftvolles Statement, ein wütendes Porträt einer rohen, mitleidlosen Gesellschaft voller Armut, Gewalt und Vorurteile. Melchor stellt in den Kapiteln immer eine neue Person in der Mittelpunkt und berichtet aus ihrer Perspektive. Dabei tauchen weitere Figuren auf, die dann im nächsten Kapitel im Vordergrund stehen. So schält sich nach und nach ein Gesamtbild heraus.

Die Geschichten aus La Matosa handeln von äußerst präkeren Verhältnissen, von Eifersucht, Neid und Missgunst innerhalb der Familie, von herumhurenden Männern, vom Missbrauch von Minderjährigen, von Aberglauben, von Alkohol- und Drogenexzessen und Gewalt gegen Homosexuelle und Frauen. Sie sind immer sehr direkt und intim, teilweise obszön. Melchor erzählt die Geschichten in einem rasenden, atemlosen Ton; reiht Satz um Satz aneinander, ohne Absatz, mit einer Vielzahl an Kommas und Semikolons. Es entsteht dadurch eine Art Wutrede über die beschriebenen gesellschaftlichen Verhältnisse. Saison der Wirbelstürme ist ein Buch, der dem Leser einiges abfordert, bei dem man allerdings auch beeindruckt feststellt, dass man einen solchen Roman mit dieser Wucht nur selten liest.

Antonio Ortuño | Die Verschwundenen

Aurelio, genannt Yeyo, Blanco kommt aus dem Gefängnis frei, in dem er fünfzehn Jahre Haft abgesessen hat. Blanco war damals der Sündenbock, der als Buchhalter die Unregelmäßigkeiten bei einem Immobiliengeschäft für seinen Schwiegervater Don Carlos Flores auf sich genommen hat, um das Geschäft und das Wohl der Familie nicht zu gefährden. Seine Frau hat sich scheiden lassen, seine Tochter hat er zuletzt gesehen, als sie fünf Jahre alt war. Sein Anwalt warnt ihn, dass Flores ihn womöglich beseitigen will, wenn er frei kommt, um einen Mitwisser loszuwerden. Doch Blanco will seinen ihm zustehenden Anteil einfordern und begibt sich auf Konfrontationskurs.

„Ich brauche wieder deine Hilfe, mein Junge. Noch ein Mal. […] Wir haben dir Alicia gegeben, die wir mehr als alles auf der Welt lieben. Merkst du was? Es ist ein ewiges Geben und Nehmen. Wir sind eine Familie.“ Und Yeyo, der jeden Morgen mit dem Gefühl aufstand, er verdiene das gute, unbeschwerte, fantastische Leben, das er führte, eigentlich gar nicht, sagte Ja, bevor er wusste, was von ihm erwartet wurde. Sein Ja kostete ihn fünfzehn Jahre Gefängnis. (Seite 159)

Blanco ist eigentlich ein eher zurückgezogener, besonnener Mann, der als Kind auf dem Grundstück der Flores gewohnt hat und schon früh als Handlanger engagiert wurde. Später wurde er auch von der etwas älteren Alicia verführt. Er zeigt wenig eigenen Antrieb, lässt sich bereitwillig einspannen und ist schließlich derjenige, der in verschiedenen Situationen die Ehre der Familie retten soll und dies auch beinahe devot erfüllt. Selbst als er im Gefängnis geschieden wird und ihm seine Tochter vorenthalten wird, behält er eine gewisse Resthoffnung und legt sich sogar ein Enthaltsamkeitsgelübde auf, für das er von allen Seiten verspottet wird, wie er irgendwann feststellt. Doch sein Gefängnisaufenthalt endet etwas plötzlich kurz vor Heiligabend. Seine Familie hat erst später mit seiner Freilassung gerechnet. Blanco will nicht mehr nur derjenige sein, mit dem alles gemacht werden kann, sondern selbst agieren. So kommt es letztlich zu einer Familienzusammenkunft als Showdown an Heiligabend.

Die Entlassung aus dem Gefängnis und die Annäherung an die Familie bilden den Hauptteil der Geschichte, immer wieder unterbrochen von Rückblicken in die Vergangenheit. Dort beleuchtet der Autor, wie es zu dieser Familienkonstellation kam und löst auch auf, was mit dem (deutschen) Titel gemeint ist. Bauunternehmer Don Carlos hatte den Plan für eine exklusive Wohnsiedlung mit dem Namen „Olinka“, basierend auf Ideen eines utopistisch-esoterischen Künstlers. Genug Geld aus illegalen Kanälen war vorhanden, doch der Grund und Boden für Olinka ließ sich nicht so einfach beschaffen, gab es an dieser Stelle eine kleine Siedlung von sozial Schwachen. Doch Don Carlos war zu einigem bereit, um sich diese Grundstücke anzueignen und das hatte Auswirkungen, für die ganze Familie Flores.

Die Verbrannten ist ein clever konstruierter Roman, der allerdings im Mittelteil ein wenig schleppend verläuft. Über weite Strecken verzichtet der Autor auf konventionelle Spannungselemente, sondern erzählt relativ nüchtern. Ortuño wirft einen scharfen Blick in die Mitte der mexikanischen Gesellschaft, mal abseits von Drogen oder Flüchtlingen, aber natürlich im Spannungsverhältnis von arm und reich, konkret am Beispiel von Guadalajara, der Heimatstadt des Autors. Der Roman zeigt die alltägliche Korruption, planlose Stadtentwicklung, Gier nach Geld und Macht sowie staatlich gedeckte Ausbeuterei und Gewalt. Doch wie es oft so ist, richten sich diese Dinge letztlich gegen die Familie des skrupellosen Bauunternehmers und der Leser wohnt mehr oder weniger einer Familientragödie bei.

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Saison der Wirbelstürme | Erschienen am 14. März 2019 im Verlag Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-803-13307-6
240 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Roman
Wertung: 3.0 von 5.0

Die Verschwundenen | Erschienen am 6. März 2019 im Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-285-7
256 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Weiterlesen: Juan Villoro „Der rote Teppich“, erstmals erschienen in Le Monde diplomatique (November 2008), aktuell in: Edition Le Monde diplomatique: Mittelamerika. Zwischen Panamakanal und Río Bravo.

Sophie Kendrick | Mein Tod in deinen Augen

Sophie Kendrick | Mein Tod in deinen Augen

„Ich möchte nicht darüber reden, aber ich muss. Ich habe bisher nur Siri die Wahrheit erzählt, niemandem sonst. In einer langen Winternacht in unserem gemeinsamen Kinderzimmer, als wir zwölf oder dreizehn waren. Seither hat sie ein kleines Stück dieser Last mit mir getragen.“ (Auszug Seite 176)

Jenny ist vor einem Jahr erblindet, nachdem sie von einem Vergewaltiger überfallen wurde. Kurz zuvor wurde sie als Kunsttherapeutin von dem Psychologen Gideon kontaktiert, der ihren Rat zu einem gemalten Bild einholen wollte. Diesen Auftrag hatte sie nach der Erblindung abgesagt, doch jetzt hat Gideon drei weitere Bilder gefunden und lädt Jenny zu ihm nach Rügen ein, um sich darüber mit ihr auszutauschen, trotz Blindheit. Auf der Zugfahrt auf die Insel lernt Jenny Marc kennen und fühlt sich von ihm angezogen. Dann passieren merkwürdige Dinge und es scheint, als ob der Vergewaltiger, der damals nicht gefasst werden konnte, ihr nach Rügen gefolgt ist. Aber kann das sein oder erlaubt sich jemand nur einen schlechten Scherz?

Schauplatz auf der Insel Rügen

Mein Tod in deinen Augen von Sophie Kendrick habe ich hauptsächlich aufgrund des Schauplatzes an der Ostsee gelesen. Hier wurde ich im Grunde nicht enttäuscht, da echte Orte und die typische Landschaft beschrieben wurden, allerdings hätte für meinen Geschmack noch mehr davon thematisiert werden können. Die Geschichte lässt sich schnell und flüssig lesen und ich habe das Buch regelrecht gefressen, obwohl mich die Handlung nicht ganz überzeugt hat. Die Schilderung der Ereignisse und Überlegungen von Jenny wirken auf mich gehetzt, teilweise vorhersehbar und konstruiert.

Blinde Protagonistin

Interessant fand ich, dass Jenny blind ist und mir wurde beim Lesen so richtig bewusst, wie viel man eigentlich im Alltag sieht und wie wichtig das ist. Und wie entsprechend kompliziert das Leben ohne Augenlicht wird. Aufgrund des Überfalls und der Blindheit ist Jenny natürlich sehr vorsichtig und misstrauisch ihrer Umwelt gegenüber. Umso überraschender finde ich, dass sie trotzdem der Einladung von Gideon folgt, den sie ja gar nicht richtig kennt und dem sie dann in seiner Umgebung mehr als ausgeliefert ist und noch mehr, dass sie sich in eine Bekanntschaft aus dem Zug verliebt. Beide Männer verhalten sich in einigen Szenen auch mehr als merkwürdig und ich hätte an Jennys Stelle schon längst das Weite gesucht. Nachdem dann augenscheinlich der Stalker auf Rügen aufgetaucht ist, verdächtigen sich beide Männer gegenseitig und Jenny misstraut dann doch abwechselnd mal dem einen und dann dem anderen. Außerdem werden diverse andere Personen in den Fall verstrickt und der Tod von Jennys Eltern vor über dreißig Jahren hängt plötzlich vielleicht auch mit allem zusammen. Meiner Meinung nach wurde die Geschichte sehr konfus zusammengeschustert.

Ende & Fazit

Ich hatte erst befürchtet, dass das Ende auch schon ab dem letzten Drittel vorhersehbar wird, aber das konnte dann doch überraschen. Zumindest habe ich nicht damit gerechnet. Fazit: Für zwischendurch liest sich der Thriller sehr leicht, aber man sollte keine sehr ausgeklügelte Handlung erwarten.

Sophie Kendrick lebte in verschiedenen europäischen Ländern, unter anderem in Großbritannien, wo sie englische Literatur studierte und über die Schwestern Brontë forschte. Sie arbeitete in einer Agentur für Buchprojekte und als Ghostwriterin, bevor sie ihren ersten eigenen Roman schrieb.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Mein Tod in deinen Augen | Erschienen am 19. Februar 2019 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-29160-9
336 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Niklas Natt och Dag | 1793 ♬

Niklas Natt och Dag | 1793 ♬

Krieg, Korruption, Armut, tödliche Krankheiten und noch ohne Kanalisation im Dreck versinkend! Das Stockholm Ende des 18. Jahrhunderts, so wie es uns Niklas Natt och Dag zeigt, ist wahrlich kein Ort, in dem man sich gerne aufhalten möchte. Die Menschen leben in elenden Verhältnissen; sexuelle Gewalt ist an der Tagesordnung und Ausbeutung und Bestechung regieren den Alltag.

Der Häscher mit dem Holzarm

In diesem Moloch zieht der einarmige Stadtknecht „Mickel“ Cardell die verstümmelten Reste einer Leiche aus der übel stinkenden Stadtkloake Södermalms. Der traumatisierte Kriegsveteran leidet noch immer unter seinen Erlebnissen im Krieg gegen Russland, in dem er einen Kameraden und seinen Arm verlor und versucht, dieses Leid im Suff zu vergessen.

Dem Toten wurde noch zu Lebzeiten sämtliche Gliedmaßen amputiert, die Augen ausgestochen, die Zähne herausgebrochen und die Zunge herausgeschnitten. Selbst für damalige Zeiten ein grausamer Fund, verstörend genug, dass es den trink- und schlagfesten Cardell nicht mehr loslässt und so schließt er sich dem cleveren Juristen Cecil Winge an, um ihn bei der Aufklärung des grausamen Verbrechens zu unterstützen. Der angesehene Kriminalist ist bei der Stockholmer Polizei zuständig für „besondere Verbrechen“. Der zurückhaltende Intellektuelle Winge, dem nicht mehr viel Zeit bleibt, da er unheilbar an Tuberkulose erkrankt ist und der raubeinige Haudegen Cardell bilden ein ungleiches Paar. Es eint sie ein großes Gerechtigkeitsempfinden, allerdings scheint nicht vielen an der Aufklärung des Falles gelegen zu sein.

Geschichte in vier Teilen

Der Verlauf der Handlung wird nicht linear beschrieben und ist aufgeteilt in vier Teile. Der erste Abschnitt beschreibt das Auffinden des namenlosen Torsos im Herbst 1793 sowie den Beginn der Ermittlungen. Mit der Genialität eines Sherlock Holmes hat das aber gar nichts zu tun und beinhaltet für mich schon einige Längen. Der zweite und dritte Abschnitt führt uns dann zeitlich rückwärts durch das Geschehen. Ich hoffte, dass es jetzt endlich losginge, als wir im zweiten Abschnitt Kristofer Blix kennenlernen, einen einfachen Jungen, der in der Armee als Gehilfe bei der Versorgung von Verwundeten half. Danach versucht er in Stockholm sein Glück, verliert aber beim Spiel sein ganzes Geld und ist daraufhin einem sadistischen Gläubiger ausgeliefert. Dieser Erzählstrang birgt für mich ein Übermaß an schier grenzenloser Gewalt, Beschreibungen von tiefster Erniedrigung und psychischen wie körperlichen Demütigungen, so dass ich vor lauter Abscheu teilweise nur noch quer gehört habe. Dieses wird in Form von Briefen erzählt, die der naive Blix seiner Schwester schreibt. Das fand ich dramaturgisch langweilig und auch ziemlich unrealistisch, da man solche Grausamkeiten nicht in so einem kultiviertem Ton beschreibt und schon gar nicht ein einfacher Bauernjunge ohne tiefere Bildung.

Unschuldig im Spinnhaus

Im dritten Abschnitt geht es um das Schicksal von Anna Stina Knapp, einem jungen Mädchen, dass unschuldig der Hurerei angeklagt wird und zu mehreren Jahren „Resozialisierung“ in ein Spinnhaus verurteilt wird, wo sie und die anderen Arbeiterinnen der Willkür der sadistischen Wärter ausgesetzt sind. Leider rief das bei mir kaum emotionale Reaktionen hervor, da ich zu den Charakteren keine Bindung fand. Dieser triviale Teil wirkt fast zusammenhanglos, auch hatte ich den Eindruck, dass der Autor unbedingt über die damaligen Zustände der Frauen berichten wollte und diese dann in die eigentliche Krimihandlung hinein konstruiert hat. Er schafft damit einen Nebenschauplatz, der zum eigentlichen Krimiplot nicht viel beiträgt.

Im vierten Abschnitt werden dann im Winter 1793 alle Handlungsstränge zusammengeführt und zum Ende kommt tatsächlich noch so etwas wie Spannung auf.

Fazit

Der vorliegende historische Roman wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schwedischen Krimipreis für das beste Spannungsdebüt und wird im Klappentext vollmundig als Meisterwerk angekündigt. Vielleicht waren meine Erwartungen deshalb zu hoch, aber bei mir ist der Funke nicht richtig übergesprungen. Der Autor erschafft durch detaillierte Darstellungen der damaligen Verhältnisse und unverblümten Milieu-Schilderungen ein düsteres Stadtbild der Metropole. Als Hörer ist man hautnah dabei in den deprimierenden Armenvierteln Stockholms mit den dreckigen Gassen, Wirtshäusern, Spelunken und Hurenhäusern oder bei einer plastisch beschriebenen Hinrichtungsszene und hier ist der Roman 1793 wirklich sehr gut. Die historischen Abschweifungen sorgen für ein lebendiges Bild der schwedischen Gesellschaft Ende des 18. Jahrhundert und der politischen Zustände, lähmen aber auch das Tempo und bremsen die Story ein ums andere Mal aus. Auch die Furcht des Schwedischen Adels über ein Herüberschwappen der Französischen Revolution, die sich grade auf ihrem Höhepunkt befindet, wird thematisiert.

Das große Problem des historischen Krimis war für mich der Mangel an Tiefgang, der die detaillierten Beschreibungen der abstoßenden und unvorstellbaren Gräueltaten rechtfertigen würde. So bleibt für mich nur ein Nachgeschmack nach grenzenlosem Ekel und ich fühlte mich auf die Rolle des Voyeurs reduziert. Abgesehen von den beiden unterschiedlichen Protagonisten Winge und Cardell, die sich über den Fall langsam annähern und sogar anfreunden, blieben alle anderen Charaktere frustrierend eindimensional und entwickeln sich wenig. Für mich kein Meisterwerk, sondern ein recht unterhaltsames Sittengemälde mit interessanten Lektionen in Geschichte aber leider mit dramaturgischen Schwächen.

Eines muss ich aber positiv anmerken: Man spürt die Begeisterung und Faszination des 1979 als Nachkomme einer alten schwedischen Adelsfamilie geborenen Autors für diese Zeit der Umbrüche. Und dass Niklas Natt och Dag, der als freier Journalist arbeitet, die Recherchearbeit am meisten Spaß gemacht hat, glaube ich sofort.

Das gekürzte Hörbuch wird von Philipp Schepmann vorgelesen, bis auf die Passage über Kristofer Blix, die von Simon Roden vorgetragen wird, und beide machen ihre Sache sehr gut.

 

Rezension von Andy Ruhr.

1793 | Das Hörbuch erschien am 1. März 2019 bei Hörbuch Hamburg
ISBN 978-3-86952-410-8
2 mp3-CDs | 18.- Euro
Laufzeit:  12 Stunden 47 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Dashiell Hammett | Rote Ernte

Dashiell Hammett | Rote Ernte

Der erste, von dem ich’s hörte, war ein rothaariger Strolch namens Hikey Dewey im „Großen Schiff“ in Butte gewesen. Bei dem hieß Peaceville stur immer Pissville. Da er aber statt Fusel auch Fussel sagte, habe ich nicht weiter drüber nachgedacht, was er dem Namen der Stadt angetan hatte. […] Erst ein paar Jahre später, als ich selbst nach Peaceville kam, ging mir ein Licht auf. (Auszug Seite 9)

Ein Agent einer bekannten, landesweit agierenden Detektei kommt in die wenig beschauliche Bergwerks- und Industriestadt Peaceville. Doch noch vor der ersten Besprechung wird sein Auftraggeber Donald Willsson ermordet und dessen Frau macht sich spontan verdächtig. Der Vater des Toten, Elihu Willsson, Industriemagnat und vermeintlicher Herr über die Stadt, gibt dem Agenten 10.000 Dollar und den Auftrag, mit den Verbrechern in der Stadt aufzuräumen, zieht den Auftrag aber kurz darauf wieder zurück. Doch da hat der Agent längst mit der Arbeit begonnen und ist nicht gewillt aufzuhören.

Offenbar hat der Industrielle Elihu Willsson im Kampf gegen die Gewerkschaften und die Forderungen seiner Beschäftigten sich zwielichtiger Gestalten bedient, die den Arbeitskampf blutig und gewalttätig beendeten. Elihu Willsson wurde sie aber anschließend nicht mehr los, war erpressbar und sie forderten ihren Teil am Kuchen bzw. an dieser Stadt. Nun haben diese Kriminellen zahlreiche legale und illegale Geschäfte unter sich aufgeteilt, Pete der Finne, Lew Yard, Max Thaler und Noohan, der Polizeichef. Die Stadt versinkt in Korruption und Kriminalität. Der junge Donald Willsson schrieb als Zeitungsverleger gegen die Zustände an und wurde nun ermordet.

Der Agent findet schnell heraus, auch dank der Informationen von Dinah Brand, der Freundin von Max Thaler und Bekannten von Donald Willsson, dass es zwischen den kriminellen Gangs offene Rivalitäten gibt. Als Begleiter von Polizeichef Noohan, der Max Thaler festnehmen will, gerät der Agent vermutlich absichtlich in die Schusslinie der Polizei und kann nur mit Glück entkommen. Dies bestärkt ihn in seiner Entschlossenheit, den Auftrag von Elihu Willsson gegen dessen Willen weiterzuführen. Er bewegt sich zwischen den Rivalen, schürt Intrigen, steckt Geheimnisse durch und schürt so den Konflikt zwischen den Gangs, der bald in einen offenen Krieg ausufert.

Ich lachte mit ihr und versuchte dabei aus dem Gin aufzutauchen, in dem ich versoffen war.
„Wer säß denn noch in der Patsche?“, fragte ich.
„Die ganze gottverdammte Brut“. Sie fuchtelte mit der Hand. „Max, Lew Yard, Pete, Noohan und Elihu Willsson – die ganze gottverdammte Brut.“ (Seiten 47-48)

Der namenlose Ich-Erzähler, später als „The Continental Op“ bezeichnet, ist neben Sam Spade aus Der Malteser Falke die wohl bekannteste Figur aus dem Werk von Dashiell Hammett. Angestellt ist er bei der „Continental Detective Agency“, einer fiktiven Detektei mit eindeutigen Bezügen zur berühmt-berüchtigten Pinkerton Detektei, damals ein ungemein einflussreiches Sicherheitsunternehmen. Hammett selbst war einige Jahre Angestellter von Pinkerton und hat dies auch im Roman verarbeitet. Seine Figur „The Continental Op“ taucht in zahlreiche Kurzgeschichten und schließlich auch in zwei Romanen von Hammett auf. Er ist ein harter, intelligenter, mit allen Wassern gewaschener Agent. In diesem Roman spinnt er meisterhaft die Fäden von Täuschung und Betrug, um die rivalisierenden Parteien gegeneinander auszuspielen. „The Continental Op“ ist (auch als Liebhaber hochprozentiger alkoholischer Getränke) der Prototyp des „hardboiled detective“. Bei aller Abgebrühtheit kommen ihm aber zwischenzeitlich kurz Gewissensbisse, bei denen er befürchtet, völlig zu verrohen – ein Zustand, den er trotz allem nicht anstrebt.

Harte Typen, viel Blei und Blut, komplexe Gemengelage, lässige Dialoge – heutzutage würde man Tarantino das Drehbuch anvertrauen. Dabei bietet Hammett die interessante Perspektive des Ich-Erzählers, der sich auch erst mal einen Überblick über die Situation verschaffen muss. Der Roman zeigt eine Stadt, in der Kriminelle die Kontrolle über die Verwaltungsapparate übernommen haben, ein Ort vollständiger Korruption, in dem die Hauptfigur zwar Ordnung schafft, aber durch die Wahl seiner Mittel ein fragwürdiger Held bleibt. Rote Ernte ist ein echter Klassiker, den man auch heute noch hervorragend lesen kann.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Rote Ernte | Erstveröffentlichung 1929, die gelesene Ausgabe erschien 1976 im Diogenes Verlag
aktuelle Taschenbuchausgabe:
ISBN 978-3-257-20292-2
256 Seiten | 11.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zu Der Malteser Falke von Dashiell Hammett.

Nikos Milonás | Kretische Feindschaft

Nikos Milonás | Kretische Feindschaft

Wenn der Sommer vor der Tür steht, haben Urlaubskrimis bei deutschen Lesern Konjunktur. Sie bedienen Sehnsüchte. Sei es, weil die Handlung am zukünftigen Urlaubsziel verortet ist, oder man Erinnerungen an Gegenden zurückholen möchte, in denen man bereits schöne Urlaubstage verbracht hat. Mittlerweile deckt dieses Genre fast alle europäischen Urlaubsziele ab, in der Regel von deutschen Autoren unter jeweiligem landestypischen Pseudonym geschrieben. Ein cleverer Schachzug, soll dies doch suggerieren, dass hier jemand schreibt, der Land und Leute wie seine Westentasche kennt.

In diese Kategorie fällt auch Nikos Milonás, wobei dies das offene Pseudonym des Fernsehschaffenden Frank D. Müller ist. Dieser ist Kreta-Fan und schließt mit seinem Erstling Kretische Feindschaft eine Lücke, denn die griechische Insel war bisher ein weißer Fleck auf der Karte der Urlaubskrimis.

Ausgangspunkt der Handlung ist der vermisste Bürgermeister von Kolymbari. Und da die Polizei vor Ort offenbar weder willens noch in der Lage ist, sich angemessen und engagiert um den Fall zu kümmern, werden Michalis Charisteas und sein Kollege Koronaios (beide Mordkommission Chania) auf Anweisung des Gouverneurs mit dem Fall betraut. Der Vermisste wird gefunden, tot. Offenbar ist er mit seinem Auto von der Straße abgekommen und einen Abhang hinabgestürzt. Fall abgeschlossen, obwohl Michalis große Zweifel an der Version der Kollegen aus Kolymbari hat, weshalb er die Ermittlungen auf eigene Faust und entgegen jeder Anweisung weiterführt. Und schnell wird ihm klar, dass dieser Fall weitaus komplexer als angenommen ist und weit in die Vergangenheit reicht.

Keine Frage, die Story ist spannend und schlüssig aufgebaut, überrascht mit unvorhersehbaren Wendungen. Hier gibt es nichts zu meckern, auch wenn mir zum Ende hin die eine oder andere Erklärung/ Motivation nicht schlüssig erscheint und eher lapidar in einem Nebensatz oder gar nicht abgehandelt wird.

Die Personen haben Potenzial, wobei hier Michalis Kollege Koronaios wesentlich interessanter und mit mehr Konturen als dieser daherkommt. Die Love-Story zwischen Michalis und seiner deutschen Freundin Hannah ist unaufdringlich, hätte ich jetzt aber nicht unbedingt benötigt. Sie dient letztendlich nur dazu, die Gegensätze zwischen Kretern und Deutschen aufzuzeigen. Und damit habe ich meine Probleme, denn damit werden Vorurteile zementiert. Kretischer Schlendrian, Mauscheleien in Behörden, Vorteilnahme im Amt…und…und…und.

Chania und Umgebung als Handlungsorte, speziell die Nordküste, scheint mir nicht die beste Wahl, da dieser Teil der Insel mittlerweile viel von seinem Charme und seiner Ursprünglichkeit verloren hat. Was Kreta wirklich ausmacht, findet man eher in den abgelegenen Gegenden.

Der Autor arbeitet in seinen Beschreibungen mit sehr vielen Stereotypen, ganz so, wie der deutsche Urlauber sich die Insel und ihre Menschen vorstellt: der venezianische Hafen (zugegeben, der ist wunderschön), Meeresrauschen, Olivenhaine, wilden Thymian, Orangenbäume und, weil jeder Kreta-Urlauber zum Schluchtenwandern dorthin möchte, die Samaria. Die Kreter trinken jede Menge Frappé, Ellinikós und Raki und essen die köstlichen Gerichte ihrer Heimat (hier bekommt der deutsche Leser natürlich die Übersetzung geliefert) rauf und runter. Ein bisschen zu viel von allem, aber dennoch unterhaltsam mit guten Ansätzen.

Wie es scheint ist Kretische Feindschaft der Auftakt einer Reihe mit Michalis Charisteas, dessen Entwicklung, gerade wenn man Kreta kennt und liebt, im Auge behalten sollte. Luft nach oben ist allemal. Und vielleicht gibt es ja auch einmal einen Ausflug in die kretisch-deutsche Geschichte. Ein Verhältnis, das jede Menge Krimistoff bietet.

 

Wir bedanken uns für diese schöne Gastrezension und das Foto bei Elke Heid-Paulus. Weitere Rezensionen von Elke findet ihr auf ihrem Instagram-Account satzbehaelter.

Kretische Feindschaft | Erschienen am 17. April 2019 bei Scherz im Fischer Verlag
ISBN 978-3-651-02580-6
400 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe