Monat: Dezember 2018

Jakob Arjouni | Ein Mann, ein Mord

Jakob Arjouni | Ein Mann, ein Mord

Das Eros-Center Elbestrasse hatte vier Stockwerke mit jeweils zwanzig bis fünfundzwanzig Zimmern, einer Dusche und einer Toilette. Erdgeschoß und erster Stock wurden jeden Tag gefegt, waren am unsatzstärksten und fest in deutscher Hand. Nach oben hin wurden die Flure dunkler, die Frauen billiger und farbiger. Im dritten Stock Asiatinnen, im vierten Afrikanerinnen; die Putzfrau kam einmal die Woche. (Auszug Seite 24)

Ein etwas schrulliger Künstler und Autor namens Weidenbusch engagiert Kemal Kayankaya, um seine Freundin Sri Dao zu finden. Diese ist Thailänderin und arbeitete als Prostituierte in einem Club der lokalen Größe Charly Köberle. Weidenbusch bezahlte 5.000 Mark, um Sri Dao freizukaufen. Bei einem Treffen mit einem Kontakt, um falsche Papiere zur Verhinderung von Sri Daos Abschiebung bekommen, wurde Sri Dao in ein Auto gezerrt und Weidenbusch mit einer Waffe bedroht. Seitdem ist die Frau verschwunden.

Kayankaya begibt sich direkt ins Frankfurter Milieu ins Eroscenter des Charly Köberle. Dort trifft er überraschend auf seinen Kumpel Slibulsky, der offenbar jetzt Handlangerdienste für Köberle erledigt. Doch Kayankaya erreichts zunächst nichts. Auch ein Besuch beim Ausländeramt und der Ausländerpolizei gerät zum Desaster, da Kayankaya dort nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird. Doch dann erhält er unerwartet von einem Polizisten doch noch einen Tipp: In einer Villa in Gellersheim sollen in letzter Zeit häufiger Gruppen von Ausländern einquartiert worden sein.

Ein Mann, ein Mord ist der dritte Roman um den inzwischen legendären Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya. 1985 tauchte Kayankaya mit Happy Birthday, Türke! das erste Mal auf der Bildfläche auf. Verkatert und abgeranzt löste er seinen ersten Fall im Rotlichtmilieu der Mainmetropole. Dieser Privatdetektiv steht ganz in der Tradition amerikanischer Hardboiled-Krimis, mehr als einmal wurden von verschiedener Seite Parallelen zu Raymond Chandlers Marlowe gezogen. Jedenfalls waren sowohl Leser als auch Kritiker von dieser Figur begeistert. Maxim Biller schrieb damals im Magazin „Tempo“ euphorisch: „Eine literarische Figur […], die man nie mehr vergißt. Eine Gestalt, die es, jawohl, in der deutschen Literatur seit Oskar Matzerath nicht mehr gab.“ Insgesamt fünf Krimis mit Kayankaya schrieb Autor Jakob Arjouni, der 2013 schon mit 48 Jahren an einem Krebsleiden verstarb.

Arjouni hat diese Figur Kayankaya aber auch äußerst trickreich angelegt. Als Kind türkischer Eltern wurde er als Kleinkind von einem deutschen Ehepaar adoptiert, nachdem die Eltern tödlich verunglückt waren. Nun hat Kayankaya unzweifelhaft einen türkischen Namen und einen türkischen Teint, ist ansonsten aber ein waschechter Hesse, beherrscht nicht einmal die türkische Sprache. Das macht ihn zur Zielscheibe des alltäglichen Rassismus, bei den Vermietern, bei der Polizei, bei den Passanten auf der Straße. Doch Kayankaya hat eigentlich immer eine ironisch-schlagfertige Replik parat. Das macht auch den Charme dieses Privatdetektivs aus: Immer etwas heruntergekommen, immer klamm, immer ein schneller Spruch, er geht keiner Konfrontation aus dem Weg, überquert die Grenzen der Legalität, aber Kayankaya ist im Inneren ein Typ mit viel Herz, Sensibilität und Empathie.

Die Kayankaya-Krimis und seine Hauptfigur nutzt Jakob Arjouni, um neben dem hartgesottenen Krimiplot auch gesellschaftspolitische Statements unterzubringen. Hier in diesem Plot um Menschenhandel und korrupte Behörden, zeigt der Autor klar den gesellschaftlichen und auch behördlichen Rassismus auf. Die Ausländer und Asylsuchenden werden in dieser Geschichte nur ausgenutzt und ausgebeutet, ansonsten sind sie nicht weiter willkommen. Arjouni lässt Kayankaya gegen Ende ein wütendes und resigniertes Selbstgespräch führen, in dem er sich beklagt, wie mit diesen Menschen umgegangen wird und diese als „Schmarotzer“ abgestempelt werden, die auf unsere Kosten leben,

„obwohl diese Kosten seit Jahrhunderten er getragen hat, und der heute nur dahin geht, wo mit dem Reichtum seines Landes unsere Fußgängerzonen, unsere Fliegerstaffeln und unsere Opernhäuser aufgebaut wurden“. (Seite 116)

„Und auch wenn es manchmal so aussieht, als wäre die freie Meinungsäußerung ausschließlich für Republikaner und Leute, die keine Meinung haben, erfunden, sie gilt auch noch für andere.“ (Seite 67)

Kemal Kayankaya ist einfach ein Typ, den man gern haben muss. Ein Ritter der Gerechtigkeit, der durchs Frankfurter Rotlichtviertel und bundesdeutschen Mief und Scheinheiligkeit stampft. Hinzu kommt der lässige Schreibstil von Arjouni mit großartigen Dialogen und viel Sinn fürs Detail, etwa wie Kayankaya und sein Kumpel Slibulsky ein Tennismatch im Fernsehen anschauen. Insgesamt ist Ein Mann, ein Mord ein großartiger Hardboiled-Großstadt-Krimi, der zudem nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Wer diesen Kemal Kayankaya noch nicht kennt, hat definitiv etwas verpasst!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Ein Mann, ein Mord | Erstveröffentlichung 1991
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 1. September 2012 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-22563-1
192 Seiten | 9.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Kemal Kayankayas erstem Fall Happy Birthday, Türke!

Dorothy L. Sayers | Starkes Gift

Dorothy L. Sayers | Starkes Gift

Für unser Spezial um Privatdetektive/innen habe ich statt eines neu erschienen Buches eines meiner älteren Bücher ausgewählt: eines aus Dorothy L. Sayers Reihe um Lord Peter Wimsey. Aus dieser Serie besitze ich bis auf die letzten beiden (die ich jetzt bei meiner Recherche im Internet entdeckt habe und mir auch noch zulegen werde) alle Bücher. Die Fälle zeichnen sich durch die humorvollen, aber auch scharfsinnigen, immer gut recherchierten und spannenden Handlungen aus, die ohne viel Action auskommen; braucht man manchmal zur Erholung. Zum Motto des Specials passt dieses Buch (finde ich jedenfalls) gut, da hier zwar von einem männlichen Detektiv ermittelt wird, der aber von weiblichen Dektektivinnen Unterstützung erhält.

Die Hauptakteure: Lord Peter Death Bredon Wimsey, geb. um 1890 (wie die Autorin) zweiter Sohn des 15. Herzogs von Denver, besuchte Eton und das Ballion College in Oxford, Hobbys: Sammeln von kostbaren Erstausgaben und Aufklärung von Gewaltverbrechen, immer unterstützt von seinem Diener Bunter, zeitweise auch als Tatortfotograf und Spurenermittler eingesetzt. Harriet Vane, Tochter eines Landarztes, Examen am Shrewsbury College in Oxford, Kriminalschriftstellerin, lebt alleine, Angeklagte in einem Mordprozess.

Im Band Starkes Gift will Lord Peter die Unschuld der wegen Giftmordes vor Gericht stehenden Kriminalschriftstellerin Harriet Vane beweisen, eine „selbständige“ Frau, wie sie im Buche steht. Die Tatsache, dass sie nicht nur erfolgreiche Kriminalromane schreibt (an sich schon ungehörig), lebte sie auch noch mit dem Mordopfer Philip Boyes, ebenfalls Schriftsteller (allerdings weniger erfolgreich) jahrelang in wilder Ehe zusammen. Die Anklage legt ihr zur Last, dass Boyes, von dem sie sich nach dessen Heiratsantrag getrennt hatte (für die Allgemeinheit völlig unglaubhaft), nach einem Versöhnungsbesuch bei ihr mit einem Kaffee, der mit Arsen versetzt war, vergiftet wurde. Er verstarb nach seiner Rückkehr ins Haus seines Cousins Norman Urquhart, wo er nach der Trennung zeitweise gewohnt hatte.

In der Verhandlung wird ausführlich dargelegt, dass Philip Boyes zwar bei seinem Cousin vor dem Treffen mit Harriet Vane ein umfangreiches Abendessen eingenommen hatte, dieses aber nach den Ermittlungen von Scotland Yard als Grund für die Vergiftung nicht in Frage kommt, da alle Getränke und Gerichte von mindesten zwei Personen (Boyes und Urquhardt), überwiegend aber auch vom Hauspersonal Urquhardts konsumiert wurden. Von Harriet Vane wurde allerdings bekannt, dass sie mehrfach Arsen eingekauft hatte, angeblich zur Recherche ihres neuen Kriminalromans. Somit bleibt nach Ansicht der Anklage nur der Kaffee von Harriet Vane als Mordinstrument übrig. Der Meinung ist jedoch Lord Peter Wimsey, der die Verhandlung mit wachsender Unruhe verfolgt, absolut nicht.

Abgesehen davon, dass er die Angeklagte für unschuldig hält, hat er sich auch noch in sie verliebt – ganz klar, er muss den wahren Mörder finden. Zum Glück befindet sich unter den Geschworenen eine ihm wohlbekannte ältere Dame, Miss Climpson, die standhaft genug ist, ihre Zweifel an Harriets Schuld gegen die Meinung der anderen Geschworenen über einen Zeitraum von sechs Stunden aufrecht zu erhalten. Da die anderen Geschworenen dem Richter auf Nachfrage verzweifelt mitteilen, dass keine Einigkeit erzielt werden kann muss der Prozess neu aufgerollt werden, der Richter setzt einen neuen Termin in einem Monat an.

Lord Peter hat nun – wenn auch knapp bemessen – Zeit, den wahren Mörder zu finden und die Beweise dafür zu beschaffen. Und ab hier ist nicht nur Lord Peter als Privatdetektiv tätig, sondern auch Miss Climpson, eine sogenannte alte Jungfer, die seit einiger Zeit unauffällig für Lord Peter ermittelt. Während Lord Peter sich mit der Familie von Philip Boyes und dem privaten Umfeld von Philip und Harriet, überwiegend bestehend aus Künstlern, befasst, wird Miss Climpson in einer besonderen Mission in einen kleinen Ort gesandt, in dem eine pflegebedürftige, aber reiche Tante von Norman Urquhardt (der ihr Testamentsvollstrecker ist) und Philip Boyes lebt.

Miss Climpson macht sich mit der Pflegerin der Tante bekannt und wendet eine ziemlich ungewöhnliche Art der Ermittlung an: da die Pflegerin an Hellseher etc. glaubt, stellt sie sich als Medium vor, bei einer Seance gibt sie vor, mit dem Geist der Tante, die seit einiger Zeit nicht mehr ansprechbar ist, Kontakt aufgenommen zu haben (hier werden sehr schön einige Tricks verraten, mit denen in diesem Bereich gearbeitet wurde/wird). Miss Climpson kommt tatsächlich an die benötigten Informationen, was im Anschluss dazu führt, dass eine Mitarbeiterin von Miss Climpson als Schreibkraft tätig wird, nicht ohne vorher von Lord Peter eingeführt bei einem mit ihm befreundeten ehemaligen Einbrecher Tricks zum Öffnen von Schlössern ohne den dazugehörigen Schlüssel zu lernen, um die endgültigen Beweise zu sichern.

Die Autorin Dorothy L. Sayers hat in Starkes Gift einen Plot geschaffen, der Spannung, aber auch Humor vereinigt. Die Spannung bleibt bis zur überraschenden Auflösung erhalten, wobei die Spannung weniger darauf beruht, den wahren Mörder zu finden (dem geübten Krimileser ist schnell klar, wohin der Hase läuft) sondern die Mordmethode herauszufinden. Die Schilderung der Handlungsweise der Protagonisten lässt den Leser immer wieder schmunzeln; Peter ist trotz adliger Herkunft alles andere als abgehoben und auch die anderen Figuren sind sehr lebendig geschildert.

Auch wenn der Roman die Zeit der 1930er Jahre wiederspiegelt, ist er nach wie vor gut zu lesen und durchaus interessant. Erstmals in der Lord-Peter-Reihe geht es nicht wie üblich nur um seine Detektivarbeit; Lord Peter wandelt endlich auf Freiersfüßen. Das erweist sich jedoch als schwierig, seine Angebetete Harriet Vane wird von der Autorin als eine Person dargestellt, die trotz ihres bisher bekannten Lebenswandels durchaus moralische Skrupel hat; hin- und hergerissen zwischen ihrer Dankbarkeit gegenüber Lord Peter und der Befürchtung, dass ihr bisheriges Leben irgendwann die Beziehung zerstören würde, lehnt sie seine Anträge ab.

Es sei jedoch erwähnt, dass sich die Bemühungen von Lord Peter wie ein roter Faden durch seine nächsten Fälle zieht. Harriet Vane wird auch selbst in zwei Romanen als Detektivin tätig (allerdings bleibt die jeweilige Auflösung Lord Peter vorbehalten). Ein Happy End gibt es dann doch nach Jahren noch – und selbst das wird von der Autorin noch zu einem vergnüglichen Krimi verarbeitet.

Eigentlich sind alle Lord-Peter-Bücher lesens- und empfehlenswert, wenn man nicht gerade ein ausgewiesener Thriller-Fan ist. Diese Buch ist aber noch mal etwas besonderes, da Lord Peter hier in seinen Ermittlungen Unterstützung von Frauen erhält, die in der damaligen Zeit (und teilweise auch heute noch) leicht abschätzig betrachtet wurden: Künstlerinnen und allein stehende ältere „Frolleins“.

Meine Rezension beruht auf der 1982 im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH erschienenen Ausgabe. Die Werke von Dorothy L. Sayers sind auch weiterhin (mindestens online) als Bücher (neu und gebraucht), als Hörbücher und E-Books erhältlich. Einige Bücher wurden 1972 – 1975 für eine 21-teilige englische Fernsehrserie verfilmt, in den 70er und 80er Jahren wurden diese auch im Bayrischen Rundfunk ausgestrahlt. Es gibt DVDs davon, allerdings soweit mir bekannt ist, nur in englischer Sprache.

Dorothy L. Sayers, geboren am 13. Juni 1893 in Oxford als Tochter eines Pfarrers und Schuldirektors aus altem englischen Landadel, legte als eine der ersten Frauen an der Universität Oxford ihr Examen ab. In ihren Kriminalromanen etablierte sie – ungewöhnlich zu dieser Zeit! – eine adlige Detektivfigur. Ab 1923 (erstes Buch: Der Tote in der Badewanne oder auch Ein Toter zu wenig) ließ sie Lord Peter Wimsey ermitteln, das hier besprochene Buch erschien 1934 und spiegelt logischerweise die Denk- und Lebensweise der damaligen Zeit wider, also auch das, was sich für Frauen „geziemt“, selbständige Frauen wurden noch misstrauisch beobachtet.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Starkes Gift | Erstveröffentlichung 1934
Angaben zur aktuellen E-Book-Ausgabe:
Veröffentlicht am 22. April 2014 bei Rowohlt
ASIN B0184SZZ36
1013 KB, ca. 295 Seiten | 4.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Blogkooperative: Adventsspezial Privatdetektive

Blogkooperative: Adventsspezial Privatdetektive

Liebe Krimifreunde!

Ihr habt es euch vermutlich schon gedacht, dass wir auch in diesem Jahr nicht auf unsere Tradition im Advent verzichten wollen. Gemeinsam mit Christina von Die dunklen Felle haben wir uns auch diesmal ein Themenspezial überlegt. Vor vier Jahren haben wir das erste Spezial zum Thema Krimiklassiker gemacht und in gewisser Weise knüpfen wir wieder daran an. Denn was gibt es für eine klassischere Figur für einen Krimi als den Privatdetektiv oder die Privatdetektivin?

Schließlich gelten die Detektivgeschichten des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger als Ursprung der modernen Kriminalliteratur (hier vor allem Edgar Allan Poe mit seiner Figur Auguste Dupin). Dies lag vor allem auch daran, dass die polizeilichen Strukturen damals noch sehr unterentwickelt waren. Dies hat sich in der Zwischenzeit geändert. Und auch wenn heutzutage die Ermittler der staatlichen Behörden stark im Genre vertreten sind, ist diese Figur des unabhängigen Privatdetektivs, der meist mit Auftrag, aber auch manchmal aus eigenem Antrieb ermittelt, weiterhin noch ein fester Bestandteil der Kriminalliteratur.

Insgesamt zwölf Titel stellen wir euch von Samstag, 8. Dezember bis Samstag, 22. Dezember 2018 vor.

Und noch in anderer Form lassen wir die Klassiker wieder aufleben: mit unserer Buchauswahl. Denn es gibt ein Wiedersehen mit einigen der legendärsten Figuren der Kriminalliteratur, wie etwa Sam Spade, V.I. Warshawski, Kemal Kayankaya und natürlich Sherlock Holmes.

Wie immer veröffentlichen wir von Kaliber.17 und Christina von Die dunklen Felle die Rezensionen jeweils im Wechsel. Daneben teilen wir die Beiträge auf unseren bekannten Social Media-Kanälen (Facebook, Instagram und Twitter).

Unsere gemeinsame Leseliste in der Reihenfolge der Rezensions-Veröffentlichungen:

  1. Val McDermid | Abgeblasen (Kate Brannigan) (ddf)
  2. Dorothy L.Sayers | Starkes Gift (Lord Peter Wimsey) (k.17)
  3. Leo Malet | Makabre Machenschaften am Boul Mich (Nestor Burma) (ddf)
  4. Jakob Arjouni | Ein Mann ein Mord (Kemal Kayankaya) (k.17)
  5. Deon Meyer | Tod vor Morgengrauen (Zatopek van Heerden) (ddf)
  6. Jobst Schlennstedt | Lübeck im Visier (Simon Winter) (k.17)
  7. Sara Paretsky | Kritische Masse (V.I. Warshawski) (ddf)
  8. Dashiell Hammett | Der Malteser Falke (Sam Spade) (k.17)
  9. Matti Rönka | Der Grenzgänger (Viktor Kärppa) (ddf)
  10. Dennis Lehane | Ein letzter Drink (Patrick Kenzie & Angela Gennaro) (k.17)
  11. Mitra Devi | Das Kainszeichen (Nora Tabani) (ddf)
  12. Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot (Sherlock Holmes) (k.17)

(k.17) Beiträge von uns auf Kaliber.17
(ddf) Beiträge von Christina auf Die dunklen Felle

Wir wünschen euch viel Spaß mit unserem Detektiv-Spezial und würde uns freuen, wenn ihr uns an der einen oder anderen Stelle ein Feedback gebt!

Gunnar & Nora für Kaliber.17

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko

Im Staat Louisiana ist systematische Korruptionsanfälligkeit selbstverständlich. Die Kultur, die Denkart, die religiösen Einstellungen und die Wirtschaft unterscheiden sich in nichts von einem karibischen Staat. Wer glaubt, im Staat Louisiana zu Reichtum und Macht zu kommen, ohne mit dem Teufel Geschäfte zu machen, weiß höchstwahrscheinlich nichts vom Teufel und noch viel weniger über Louisiana. (Auszug Seiten 142-143)

Im Sommer 1958 arbeiten der blutjunge Dave Robicheaux und sein Halbbruder Jimmie in Galveston, Texas. Als die beiden ein wenig weit aufs Meer hinausschwimmen und auf einer Sandbank von einem Hai umkreist werden, kommt ihnen eine junge Frau zur Hilfe. Die Frau heißt Ida Durbin und arbeitet als Prostituierte in einem Stundenhotel. Jimmie verknallt sich in sie und ist entgegen Daves Rat wild entschlossen, sie aus der Prostitution herauszuholen. Dafür legt er sich sogar mit ihrem Zuhälter an. Doch als Jimmie am vereinbarten Treffpunkt eintrifft,um mit Ida aus der Stadt nach Mexiko zu verschwinden, ist Ida nicht da und taucht auch nicht wieder auf. Doch Jahrzehnte später holt Dave das Verschwinden von Ida Durbin wieder ein.

Dave besucht im Krankenhaus seinen Bekannten Troy Bordelon, der ihn im Sterbebett beichtet, dass er damals als Junge gesehen hat, wo Ida Durbin gefangen gehalten wurde. Aber auch er weiß nicht, was mit ihr anschließend passiert ist. Auf dem Weg nach draußen wird Dave von zwei Deputys angesprochen, die ihm auf den Zahn fühlen wollen, was Bordelon ihm verraten haben könnte. Dave ist alarmiert, denn die Deputys stehen auf der Gehaltsliste der einflussreichen Familie Chalon. Diese war bzw. ist neben zahlreichen legalen Geschäften auch an Bordellen beteiligt, unter anderem in Galveston, Texas. Nun ist es an Dave, der nun angestachelt ist, bei den Chalons aufzutauchen und unangenehme Fragen zu stellen. Dabei zieht er den Zorn von Valentine Chalon auf sich, Sohn des Patriarchen Raphael Chalon. Val Chalon, ein bekannter Fernsehjournalist, versucht daraufhin, Dave mit einer Schmutzkampagne aus dem Weg zu räumen.

Gleichzeitig benötigt noch ein anderer Fall Daves Aufmerksamkeit. Ein Serienmörder verschleppt im Bundesstaat Frauen und ermordet sie anschließend äußerst brutal. Auch in Daves Zuständigkeitsbereich als Deputy in New Iberia geschieht ein solcher Mord, zudem wird eine Zeugin, die Dave kurz zuvor in Sachen Familie Chalon befragt hatte, ermordet. Könnte es tatsächlich eine Verbindung von dieser Mordserie zu den Chalons geben?

„Sie sind unser ortsansässiger Attila. Ein bisschen Lagerfeuerrauch und Tierfett in ihren Haaren und Sie wären perfekt. Sie sind der letzte Dreck, Dave Robicheaux. Genauso wie ihre Frau. Sie ist ein Poser und eine Fotze. Das haben Sie nur noch nicht begriffen.“
Schluck den Köder nicht ermahnte ich mich. Doch es gibt Augenblicke, da ist dieser altmodische Rock ’n‘ Roll die einzige Musik in der Jukebox. (Seite 352)

Nicht nur die Kenner der Robicheaux-Reihe werden ahnen, was hier mit Rock ’n‘ Roll gemeint ist. Der gute alte Dave Robicheaux: Unbeherrscht, unvernünftig, aber immer auf der Seite der Gerechtigkeit – und sei auch ein Gesetzesbruch nötig, um diese herzustellen. Flucht nach Mexiko ist der vierzehnte Band der Reihe und endlich wieder eine deutsche Erstausgabe. Der Bielefelder Pendragon Verlag arbeitet sukzessive daran, die ganze Reihe mit Neuauflagen und Neuübersetzungen an den deutschen Leser zu bringen. Immerhin elf Bände und damit die Hälfte sind geschafft – in den Staaten erscheint bald Band 22 „The New Iberia Blues“. Der inzwischen über 80-jährige Altmeister James Lee Burke ist produktiv wie eh und je.

Auch in diesem Roman spielt Burke seine Fähigkeiten gekonnt aus. Flucht nach Mexiko ist ein souverän geplotteter Hardboiled-Krimi im reizvollen Schauplatz des Südens Louisianas, den der Autor wie üblich wortgewaltig in Szene setzt. Im Roman wird die allgegenwärtige Bigotterie des amerikanischen Südens behandelt, die sich in Korruption, Unterdrückung und Gewalt niederschlägt. Dave Robicheaux muss dabei wie üblich einiges einstecken. Verleumdungen durch Valentine Chalon, er steht unter Mordverdacht und wird wieder einmal von seinem Dämon, dem Alkohol, heimgesucht. Doch es gibt Hoffnung, neben seinem treuen, aber ähnlich unkontrollierbaren Kumpel Clete Purcel, erhält Dave eine neue Stütze: Die ehemalige Ordensschwester Molly wird in diesem Roman seine neue Partnerin.

In Flucht nach Mexiko wird die Reihe und das Genre nicht neu erfunden. Es gibt keine Extravaganzen, sondern Altbewährtes. Und das heißt bei James Lee Burke gewohnte Qualität, auf die sich der Leser blind verlassen kann. Harte Gewalt, Gesellschaftskritik und gleichzeitig ein feines Gespür und ein großes Herz für seine Figuren sowie einen warmen Blick für die atemberaubenden Landschaften Louisianas.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Flucht nach Mexiko | Erschienen am 4. Oktober 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-621-8
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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