Monat: Oktober 2018

Joseph Knox | Dreckiger Schnee

Joseph Knox | Dreckiger Schnee

Samstag. Ultraviolette Beleuchtung in der Kabine. Ist bei allen Bars im Zentrum so, denn Drogensüchtige können bei diesem Licht ihre Venen nicht finden und sich folglich auch keinen Schuss setzen. Rubik’s war keine Ausnahme. Es gab natürlich ganz Harte, die die Stelle draußen mit einem Filzstift markierten. Wenn sie danach mit marmorierten Augäpfeln wieder rauskamen, sahen die Kreuzchen auf ihren Unterarmen aus wie blutige Küsschen auf einer Karte. (Auszug Seite 101)

Die Sirenen

Der vermeintlich korrupte Detective Aidan Waits wurde vom Dienst suspendiert, da er Drogen aus der Asservatenkammer entwendet hat. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Inoffiziell soll sich Waits undercover in den Kreis von Geschäftsmann und Drogendealer Zain Carver einschleusen. Die Polizei hat den Drogenbaron schon länger im Visier, konnte ihm aber bisher nichts nachweisen und diverse Razzien laufen ins Leere. Waits Aufgabe ist es, Carvers Kontaktmann bei der Polizei ausfindig zu machen. DC Waits hat auch nicht den besten Ruf, konsumiert selbst Drogen und ist auch dem Alkohol nicht abgeneigt, bringt also die besten Voraussetzungen für den Job mit.

Er scheint auch der perfekte Mann zu sein, um Isabelle Rossiter zu suchen. Die 17-jährige Tochter eines prominenten Politikers ist schon vor einem Monat von zu Hause ausgerissen und im Dunstkreis von Zain Carver aufgetaucht. DC Waits findet Isabelle auf Carvers Anwesen in Fairview während einer seiner wilden Partys, für die er berühmt ist.

Der DC findet heraus, dass Carver minderjährige Mädchen als Drogenkuriere einsetzt, sogenannte Sirenen, so auch der englische Originaltitel. Diese jungen Frauen werden als Eintreiberinnen auf die Straßen und in die Bars und Clubs geschickt. Vor zehn Jahren verschwand eine der Sirenen. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Noch bevor Waits der psychisch angeschlagenen Isabelle helfen kann, stirbt sie an einer Überdosis von verunreinigtem Heroin.

Gleichzeitig drängt eine andere Drogenbande in Carvers Imperium, um das lukrative Geschäft zu übernehmen. Es kommt zu einem Bandenkrieg und Catherine, eine von Carvers Vertrauten wird entführt und als Geisel genommen. Waits, der sich ein bisschen in die junge Frau verliebt hat, tut alles um ihr Leben zu retten. Der spannende Weg bis zur Auflösung ist übersät mit Gewalt, Sex, Alkohol und Drogen.

Feierwütiges Manchester

Das Debüt von Joseph Knox entführt den Leser nach Manchester. Aber ins düstere Manchester mit den ganz bösen Jungs. Die einstige Industriestadt hat sich zu einer vergnügungssüchtigen Metropole entwickelt. Der Ich-Erzähler Aidan nimmt den Leser mit auf seinen Höllenritt durch die Unterwelt. Angefangen von der Gosse, in der er zu Beginn der Geschichte orientierungslos liegt bis zu dem Beetham Tower, das höchste Gebäude außerhalb Londons mit Glasfront, in dem die Rossiters in einem Luxus-Penthouses wohnen. Wir bekommen einen Einblick in die Feierszene mit den ganzen Bars, Clubs und Kneipen und auch ein Besuch in der schillernden Schwulenszene darf nicht fehlen. In einer der schlimmsten Szenen haben sich Jugendliche auf einer Party in einem Privathaus verunreinigtes Heroin gespritzt und die meisten müssen unter grausamen Schmerzen sterben.

Eine Hauptfigur mit Ecken und Kanten

Der Protagonist Aidan Waits ist ein unangepasster, schwieriger Polizist ohne jegliche Illusionen mit einem Hang zu Drogen und Alkohol. Er kommt aus schwierigen sozialen Verhältnissen und hat kaum Freunde. Er verbeißt sich in den Fall und man leidet und fiebert mit ihm mit. Auf der anderen Seite hat er aber auch eine empfindsame Seele und ist mitfühlend. Um die jungen Frauen ist er sehr besorgt und versucht sie zu beschützen. Er handelt oft am Rande der Legalität und steckt im Laufe der Geschichte selbst oft Prügel ein. Klar ist das alles schon mal dagewesen, aber selten wurde das bis ans Ende so perfekt durchgezogen.

In der Tür fiel mein Blick auf mein Spiegelbild. Getrockneter Schweiß und verklumptes Blut am Kopf machten meine Frisur zu einer wilden Mähne. Aber dank der Handschellen passte ich perfekt hierher. Ich gab dem schwergewichtigen Ladyboy an der Tür fünf Pfund und wurde ohne Weiteres durchgewinkt. (Seite 362)

Joseph Knox lässt in seinem Debüt Dreckiger Schnee seine Hauptfigur sehr schnell in kurzen Kapiteln und kurzen Sätzen erzählen und erzeugt damit ein großes Tempo. Dabei macht die Vielzahl an unterschiedlichen Figuren und ihre Verstrickungen untereinander es manchmal etwas schwierig, durchzusteigen. Der Schreibstil ist nicht besonders gefällig und ich stolperte am Anfang auch über einige phantasievolle Formulierungen und Beschreibungen. Da verkrampfen sich Münder zu faltigen Wutwülsten oder Augen fixieren mit Kreuzblick. Die Atmosphäre ist durchgehend düster, wird nur durch die lakonische Sprache, die sehr cool und oft auch melancholisch rüberkommt, unterbrochen und zieht sich durch das ganze Buch. Die Dialoge sind dem Milieu angepasst. Ich vermute, dass manchem Leser die eindringlichen und schockierenden Einblicke in die Drogenszene und die Gewaltexzesse ein bisschen zu viel sind. Mich hat der Thriller und die authentischen Charaktere, einmal darauf eingelassen, sehr fasziniert.

Punkmusik aus den 80ern

Die Musik von Joy Division zieht sich durch die ganze Geschichte. Die Punkband aus Manchester war berühmt für ihre traurig düstere und verstörende Musik und der depressive Charakter machte den Sound unverwechselbar. Die fünf Teile des Buches sind mit Alben der Band aus den 80er Jahren überschrieben.

Joseph Knox ist in Manchester geboren und aufgewachsen. Der ehemalige Buchhändler lebt mittlerweile in London. Dreckiger Schnee ist sein Thriller-Debüt und der Auftakt zu einer Reihe. Der zweite Teil der Aidan-Waits-Reihe ist bereits in Großbritannien erschienen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Dreckiger Schnee | Erschienen am 3. September 2018 bei Droemer Knaur
ISBN 978-3-426-522-3
432 Seiten | 14.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Anita Terpstra | Die Braut

Anita Terpstra | Die Braut

„Ich setzte alles aufs Spiel. Mein Leben, meine Freiheit. War ich wirklich bereit, für mein Ziel so weit zu gehen? Dann wurde mir klar, dass der Weg zurück versperrt war. Ich war meinem Herzen schon in dem Moment gefolgt, als ich beschloss, Matt einen Brief zu schreiben.“ (Auszug Seite 102)

Mackenzie Walker heiratet Matt Ayers, der im Gefängnis sitzt, weil er mehrere Frauen entführt, festgehalten und vergewaltigt hat. Beide kennen sich nur von Briefen und kurzen Besuchen im Gefängnis. Das Umfeld von Mackenzie reagiert mit Unverständnis und sie hat es als frischgebackene Ehefrau eines Strafgefangenen nicht gerade leicht. Als es ihr nicht gelingt, die Unschuld von Matt zu beweisen, hilft sie ihm bei der Flucht. Warum nimmt Mackenzie solche Gefahren auf sich und riskiert damit auch ihr eigenes Leben?

Erwartung übertroffen

Die Braut von Anita Terpstra ist der zweite Thriller der niederländischen Autorin, der in Deutschland veröffentlicht wurde. Anders, das erste Buch, habe ich auch gelesen und war begeistert, deshalb habe ich mich auf diesen Roman gefreut. Diese Freude wurde voll erfüllt und sogar noch etwas übertroffen.

Warum heiratet man einen Gefangenen?

Die Frage ist, warum machen Frauen das? Warum heiraten sie verurteilte Straftäter im Gefängnis? Diese Überlegung hat mich die gesamte Zeit durch die Geschichte begleitet und war in erster Linie meine Motivation sie zu lesen. Im Buch gibt es eine wissenschaftliche Erklärung, warum das im echten Leben so ist. Beispielsweise eine schwere Kindheit oder frühere gewalttätige Männer und nun die Gewissheit, dass der Mann im Gefängnis wirklich nichts tun kann, aber das wäre natürlich etwas wenig Stoff für einen Thriller.

Großartige und unerwartet Wendung

Die Handlung wird in Ich-Form aus Sicht von Mackenzie erzählt, ab und zu kommen kurze Kapitel aus Sicht von zwei Opfern dazu, was zusätzlich Spannung erzeugt. Die Kapitel lesen sich sehr flüssig und ich empfand die Geschichte als kurzweilig. Auf den letzten einhundert Seiten wird die Geschichte weiter wie gewohnt interessant geschildert und dann, unerwartet und „aus dem Nichts“, erfolgt die plötzliche Wendung. Großartig! Mir wurde zu dem Zeitpunkt auch kurz etwas heiß und ab da war daran, dass Buch zur Seite zu legen, nicht mehr zu denken.

Sympathien

Die Protagonistin, also die Braut, empfand ich anfangs irgendwie als „asozial“, weil sie in einem heruntergekommenen Haus wohnt, sich mit zwei Jobs über Wasser hält, bei einem auch noch Doppelschichten schiebt, um mehr zu verdienen und ich ihre gesamten Lebensumstände als nicht so optimal empfinde und sie dann auch noch Matt heiratet, denn mit der Hochzeit fängt noch mehr Stress für Mackenzie an. Matt war mir komischerweise gleich sympathischer, weil er wirklich den Anschein macht, unschuldig zu sein und ich deshalb fast Mitleid hatte, dass er ungerechtfertigt im Gefängnis sitzt.

Unblutig bis auf eine Szene

Die Geschichte wird den Umständen entsprechend unblutig beschrieben, es werden eher die Erlebnisse der gefangenen Frauen geschildert. Am Ende gibt es dann eine Szene, in der Folter beschrieben wird und die ich nicht so gut lesen konnte. Im Nachhinein kann ich das Verhalten aber durchaus nachvollziehen.

Fazit: Ich kann diesen Thriller unbedingt empfehlen und freue mich auf weitere Bücher der Autorin.

Anita Terpstra ist eine niederländische Schriftstellerin, wurde 1975 geboren, studierte Journalismus und Kunstgeschichte und arbeitete danach als freie Journalistin für einige Zeitschriften.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Braut | Erschienen am 16. Juli 2018
ISBN 978-3-7341-0576-0
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Anita Terpstras Roman Anders bei uns.

Dennis Lehane | Der Abgrund in dir

Dennis Lehane | Der Abgrund in dir

An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann. Er stolperte mit einem seltsam wissenden Gesichtsausdruck rücklings, als ob er schon immer geahnt hätte, dass sie es tun würde. Gleichzeitig wirkte er auch überrascht. Sie nahm an, dass sie ähnlich aussah. (Auszug, Anfang)

Rachel und Brian

Rachel Childs wächst alleine bei ihrer Mutter, der prominenten Psychologin Elisabeth Childs auf. Ihr Vater, ein Kunstgeschichtsdozent hat die Familie früh verlassen, als Rachel noch ganz klein war. Rachels Mutter ist ein schwieriger Charakter und obwohl sie als Autorin von Ratgeber-Büchern eine kleine Berühmtheit erlangt hat, dominiert sie Rachels Kindheit durch ihre stete Verbitterung. Die permanent unglückliche Frau will Rachel nichts über ihren Vater verraten, und nimmt dieses Geheimnis nach ihrem frühen Unfalltod mit ins Grab. Rachel ist siebzehn Jahre alt, als sie sich verzweifelt auf die Suche nach ihrem Vater macht. Dabei lernt sie Brian Delacroix kennen, der ihr als Teilzeit-Detektiv zur Seite steht.

Rachel macht Karriere als Fernsehjournalistin und ihr Gesicht wird schnell im ganzen Land bekannt. Ihre Arbeit führt sie auch in Krisengebiete, bis ein Einsatz auf Haiti zu einem Nervenzusammenbruch vor laufender Kamera führt. Die Erlebnisse nach der schweren Naturkatastrophe werfen sie komplett aus der Bahn und sie zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Es kommt zu einem Karriereknick, auch weil Angstzustände fortan ihr Leben bestimmen und sie kaum noch das Haus verlässt.

Zufällig taucht Brian Delacroix erneut in ihrem Leben auf und die beiden werden ein Paar. Er steht Rachel in dieser schweren Zeit bei, in denen sie von Panikattacken überfallen wird. Doch ein unbestimmtes Gefühl nagt an ihr und es mehren sich die Zeichen, dass Brian nicht der ist, der er vorgibt. Sie beginnt ihm zu misstrauen und versucht seiner wahren Identität auf die Spur zu kommen.

Teil Eins

In dieser ersten Hälfte des Buches steht der psychologische Aspekt im Vordergrund und wir erfahren viel über Rachels familiären Hintergrund. Die Charaktere werden behutsam aufgebaut und Rachel als Protagonistin kommt einem wirklich nah. Ihre schon fast zwanghafte Suche nach dem Vater ist nach einem Leben mit der unterkühlten Mutter absolut nachvollziehbar. Auch wenn der Roman hier mehr Belletristik ist, fand ich diese ruhigen Passagen wunderbar zu lesen und Lehanes tiefgründige Art zu schreiben hat mich gefesselt und in den Bann gezogen. In diesem literarischen Teil gelingt es Lehane, durch die intensive Erzählweise subtile Spannung aufzubauen und neugierig auf die Auflösung zu machen. Deutlich spürbar ist, dass der amerikanische Krimiautor, der, bevor er „Creative Writing“ studierte, auch als therapeutischer Berater gearbeitet hat, großen Spaß an der Entwicklung seiner Figuren empfindet und ihm die Psychologisierung sehr wichtig ist.

Teil Zwei

Deshalb frage ich mich, ob der gleiche Autor für die zweite Hälfte verantwortlich ist. Hier mutiert der Roman zum Action-Thriller und ein Cliffhanger jagt den nächsten. Das ist ohne Frage extrem spannend und auch gut geschrieben, auch wenn es an einigen Stellen an Logik und Glaubwürdigkeit mangelt. Die Protagonistin entwickelt sich von einer angstbesetzten Frau, die unter Panikattacken leidet, viel zu schnell zur taffen Superheldin. Was mich aber wirklich stört, ist der fehlende Bogen zur literarischen ersten Hälfte. Die so hervorragend aufgebauten Handlungsstränge werden nicht wieder aufgegriffen, verlaufen einfach im Sande oder werden nicht richtig aufgelöst. Rachels Suche nach ihrem Vater nimmt einen großen Teil der Geschichte ein, ist aber eigentlich nur für ihre Charakterentwicklung wichtig und spielt überraschenderweise und für mich enttäuschend für den eigentlichen Thriller keine Rolle.

Fazit

Der Abgrund in dir lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück und ich habe mich mit der Bewertung schwer getan. Der amerikanische Krimiautor, dessen Bücher Mystic River und Shutter Island bereits erfolgreich verfilmt wurden, hatte vielleicht schon das Drehbuch zum Film im Kopf und überfrachtet den Plot zum Ende hin mit zu vielen Wendungen und Twists, die die Geschichte unnötig unüberschaubar machen. Die Auflösung kommt dann auch ein wenig zu glatt daher. Andererseits blitzt an einigen Stellen sein literarisches Genie durch und es gibt ein paar wunderbar spannende Szenen.

Ich rätsel wirklich, was Lehanes Intention war, denn der Roman ist in weiten Teilen eine Mischung aus Thriller, Drama, Liebes- und Gaunergeschichte sowie psychologischer Spannungsroman. Das muss ja nicht unbedingt schlecht sein. Herausgekommen ist aber leider ein zerrissenes Buch, dem es an Homogenität fehlt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Abgrund in dir | Erschienen am 29. August 2018 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-07039-2
528 Seiten | 25.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Dennis Lehanes Romanen Shutter Island, Mystic River, The Drop – Bargeld sowie In der Nacht bei uns.

Markus Stromiedel | Nachtfrost

Markus Stromiedel | Nachtfrost

Selig betrachtete Lasnik nachdenklich. „Es gibt eine Verbindung zwischen Ihnen und Jacob Winterberg. Und es gibt eine zwischen Ihnen und meinem Vater. Erzählen Sie mir, was Sie wissen, dann werde ich herausbekommen, was wirklich passiert ist“
Lasnik betrachtete Selig lauernd. Langsam schüttelte er den Kopf. „So läuft das nicht. […] Holen Sie mich hier raus. Dann verrate ich Ihnen, was damals geschehen ist.“ (Auszug Seite 237)

Kommissar Paul Selig hat eine merkwürdige Begegnung mit einem älteren Mann namens Jacob Winterberg, dieser kündigt ihm seine Ermordung durch einen gewissen Erhard Lasnik an. Selig ist etwas verwirrt, zumal ihm Winterberg auch ein Foto übergibt: Ein altes Bild aus Seligs Kindertagen mit seinem Vater und seiner Schwester. Einen Tag später ist Winterberg tatsächlich tot und alle Indizien inklusive der Tatwaffe deuten auf Lasnik.

Gleichzeitig erhält der Fall eine übergeordnete politische Bedeutung. Zu Beginn wird der Chef einer NGO zur Aufklärung von Staatsverbrechen auf dem Flughafen von Krakau durch einen Giftanschlag getötet. Einen Tag darauf wird die Bundesrepublik Opfer eines hochprofessionellen Hackerangriffs vermutlich russischer Hacker. Die Regierung ist lahm gelegt. Hoffnung besteht durch einer Berliner Firma, die sich auf Antivirus-Bekämpfung spezialisiert hat. Ihr Inhaber: Erhard Lasnik.

Autor Markus Stromiedel war zunächst als Journalist, Drehbuchautor, Producer und in anderen Funktionen für Film und Fernsehen tätig. Er gilt als Vater der Tatort-Figur Klaus Borowski. 2008 veröffentlichte er den ersten Krimi mit Kommissar Paul Selig. In den letzten Jahren begab er sich zunehmend ins Science-Fiction-Genre. Ich hatte die ersten beiden Bände um Paul Selig („Zwillingsspiel“ und „Feuertaufe“) in guter Erinnerung. So üppig ist die deutsche Krimilandschaft mit poltischen Krimis ja nicht gesegnet, so dass ich zu diesem dritten Band nach acht Jahren Pause gegriffen habe.

Hauptfigur ist der Berliner Kommissar Paul Selig, ein zurückhaltender, intelligenter Polizist, manchmal etwas verpeilt. Er steht außerdem nicht gerne im Mittelpunkt, sodass andere Kollegen den Ruhm seiner Ermittlungserfolge einheimsen. Seligs Abteilung steht zu Anfang des Buches vor der drohenden Auflösung wegen Budgeteinsparungen und ihm droht (fast zwanzig Jahre vor Dienstzeitende!) der Vorruhestand. Dies will vor allem seine emsige Kollegin Maria Fernandez verhindern, die sich zum einsamen Wolf Selig hingezogen fühlt. Umgekehrt übrigens auch, aber die Bindungsscheue Seligs verhindert zunächst ein Zusammenkommen.

Das Interessante am Plot ist der Zusammenhang zwischen einer „normalen“ Mordermittlung und einer von Computerviren ausgelösten Staatskrise. So geht es zum einen um eine Bedrohung durch von ausländischen Mächten kontrollierten Hackern und zum anderen um deutsch-deutsche Vergangenheit (Stasi-Verbrechen). Ebenfalls spielt Seligs Privatleben und Vergangenheit eine wichtige Rolle. Da wäre etwa Seligs schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, der beim Geheimdienst aktiv war, und dessen Arbeitsräume in der Familienvilla am Wannsee er nur widerwillig betritt. Auch Seligs Sohn Tobias, ein Hacker und Aktivist, ist in die Story involviert. Auf der anderen Seite bemüht sich der Autor aber auch um einen Blick in die Schaltzentralen der Macht: Bundeskanzlerin, Innenminister und Geheimdienstkoordinator (Ähnlichkeiten zu realen Personen sind vermutlich rein zufällig) tun ihr Möglichstes, um die Krise abzuwenden. Diese wird allerdings bis auf hektische Aktivitäten im Kanzleramt etwas spärlich choreographiert. Da hätte ich mir etwas mehr gewünscht, allerdings war dazu aufgrund der weiteren Handlungsstränge vermutlich nicht mehr genug Raum.

Nach acht Jahren Pause mit der Reihe um Paul Selig liefert Autor Markus Stromiedel einen spannenden und temporeichen Politkrimi ab. Die Szenarien und Zusammenhänge sind weitgehend glaubhaft. Der einzige Grund, warum ich nicht noch größeres Lob verteile, ist die Tatsache, dass ich die Entwicklungen der Story teilweise erahnt habe. Ich rätsel noch, ob das jetzt mit meiner Abgebrühtheit in Sachen Politik zu tun hat oder ob sich der Autor an einzelnen Stellen mehr hätte einfallen lassen müssen. Vielleicht beides. Aber davon abgesehen ist Nachtfrost ein sehr solider und unterhaltsamer Kriminalroman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Nachtfrost | Erschienen am 1. August 2018 im Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52067-3
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Katharina Peters | Todeswoge Bd. 3

Katharina Peters | Todeswoge Bd. 3

„Wir hatten in den letzten Jahren nur noch unregelmäßig Kontakt, aber es gibt immer einen Termin, den Ingo nie vergisst – meinen Geburtstag. Das klingt pathetisch, vielleicht sogar albern, doch so war es, und zwar seit ungefähr zwanzig Jahren. In diesem Jahr meldete er sich allerdings nicht, auch später ließ er nichts von sich hören.“ (Auszug Seite 14)

Emma Klar, Privatdetektivin in Wismar, bekommt einen Auftrag von einer besorgten Frau, die ungewöhnlicherweise keinen Geburtstagsgruß von ihrem Schulfreund erhalten hat und ihn als vermisst meldet. Emma beginnt sofort mit der Recherche und braucht nicht lange, um die ersten Hinweise zu finden. Der vermisste Ingo Beyer stand vor einigen Jahren wegen Kindesmordes vor Gericht, wurde aber freigesprochen. Hat sein Verschwinden damit etwas zu tun? Schnell spitzt sich der Fall zu und Emma erkennt, dass es hier um viel mehr geht und sie Hilfe von der Polizei, speziell von ihrer Freundin vom BKA, benötigt.

Ein komplexer Fall

Todeswoge von Katharina Peters ist der dritte Ostsee-Krimi um Emma Klar und der zweite Fall, in dem sie als Privatdetektivin arbeitet. Diese Geschichte liest sich durchgängig so flüssig und gleichbleibend interessant, dass ich die gut dreihundert Seiten an einem Sonntag verschlungen habe. Aus einer einfachen Suchauftrag ergibt sich schnell ein komplexer Fall, der seinen Ursprung schon vor fast zwanzig Jahren hatte und jetzt aktuell wieder aufbrandet. Dabei verhält es sich keineswegs, wie alle Involvierten zunächst annehmen, der Lauf der Ermittlungen ändert sich immer wieder.

Eine ehemalige LKA-Mitarbeiterin…

Der Krimi wird relativ seicht beschrieben, es kommt zu keinen blutigen Vorkommnissen. Emma Klar wird ihrer Rolle als ehemalige LKA-Mitarbeiterin, die auch gern mal Grenzen übertritt und nicht immer ganz besonnen agiert, am Ende aber doch den richtigen Riecher hatte, gerecht. Als Privatdetektivin entzieht sie sich vielen Regeln, die sie im Polizeiapparat beachten müsste, hat aber auch nicht den vollen Zugriff auf alle Hilfsmittel, um schnell Informationen zu erhalten. Dafür kennt sie eine Menge Leute, auch noch von früher, die ihr dabei helfen.

…und die Liebe

Die Protagonistin hat in diesem Buch eine neue Liebe, die sie bereits in ihrem ersten Buch kennengelernt hat und die ihr bei den Ermittlungen hilft. Die beiden wirken auf mich wie ein eingespieltes Team und sehr sympathisch.

Mir persönlich hätte die Ostsee in der Genre-Bezeichnung noch etwas mehr Programm sein können. Der Krimi spielt sich hauptsächlich in den Hansestädten Wismar und Rostock ab, es geht aber auch weiter ins Innere von Mecklenburg und bis nach Berlin.

Lesung in Rostock

Am 11. September 2018 war ich zu einer Lesung der Autorin in Rostock. Sie hat dort etwa eine Stunde vorgelesen, was allein schon ein Highlight war, da sie das Gelesene und die Dialoge sehr gut betont hat und mit Mimik und Gestik war es fast wie im Theater. Das Vorlesen hat sie bei ihren Söhnen perfektioniert, denn denen hat sie immer lieber vorgelesen als zu puzzeln oder Laternen zu basteln. Außerdem hat die Autorin erzählt, dass ihr Pseudonym Katharina Peters der Mädchenname ihrer Mutter ist, die selbst gern an der Ostsee und auf Rügen war. Ihre Ideen zu den neuen Büchern entnimmt sie allen möglichen Alltagssituationen. Aktuell schreibt die Autorin drei Reihen beim Aufbau-Verlag, von denen jeweils jährlich ein neuer Fall erscheint. Der neue Emma Klar-Krimi ist bereits geschrieben und wird im nächsten Jahr veröffentlicht.

Katharina Peters ist das Pseudonym für die Autorin Manuela Kuck. Sie wurde 1960 in Wolfsburg geboren und hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Heute lebt Manuela Kuck mit ihrer Partnerin, zwei Hunden und vier Katzen als freie Autorin im südöstlichen Berliner Umland und veröffentlicht Regionalkrimis, Romane, Frauenliteratur und Kurzgeschichten. Außerdem ist sie zehnfache Berlin-Marathon-Finisherin und begeistert sich für Aikido, eine japanische Kriegskunst.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Todeswoge | Erschienen am 15. Juni 2018 bei
ISBN 978-3746634159
317 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Katharina Peters Romanen Todesstrand Bd. 2, Leuchtturmmord und Herztod.